Zelten und Trampen in Japan (2006)
- Reisenotizen -

Vorwort:

Die Reise liegt nun schon ein dreiviertel Jahr zurück, aber ich habe es doch noch mit viel Geduld geschafft, meinen Reisebericht zu vollenden.

Beim Trampen und generell beim Reisen in Japan erlebt man recht lustige Sachen, das wollte ich dieses Mal endlich auch für andere zum Nachlesen ausführlich festhalten. Die interessantesten Begegnungen und Erlebnisse habe ich schon während der Reise im Zelt oder im Cafe aufgeschrieben, alles andere in Stichpunkten festgehalten und später zu Hause vervollständigt.

Daraus ist nun - bis auf 1 Tag - ein vollständiges Tagebuch der fast 3-wöchigen Reise geworden, für das ich viel Spaß beim Lesen wünsche - wenn denn jemand die Geduld aufbringt, sich durch den ganzen Reisebericht durchzuarbeiten.

Die Bilder auf den folgenden Seiten stammen alle von mir. Die vollständige Photosammlung findet ihr in meinem Photoalbum. Eine Textversion von dem Reisebericht ohne Bilder gibt es hier (Unicode UTF-8).

Über Feedback und Kritik in meinem Gästebuch oder per Mail würde ich mich freuen!

Inhalt:

1. Woche (4.4.-10.4.): 2. Woche (11.4.-17.4.): 3. Woche (19.4.-23.4.):

1. Tag: Narita-Stadt und Tempelberg

Di, 4.4., Narita Airport -> Narita Stadt -> Tokyo
Am Flughafen in Narita angekommen, bin ich gleich in die Keisei-Line Richtung Tokyo eingestiegen. Beim Flug hatte ich allerdings ein wenig im
"Lonely Planet" (Definive Guide for Travellers in Japan) gelesen und festgestellt, daß ich noch gar nicht in der Stadt Narita selbst gewesen bin, obwohl die gleich neben dem Flughafen liegt und ich nun schon mehrmals in Japan war. Der "Lonely Planet" empfiehlt einen Besuch dort wegen der sehenswerten Tempelanlage und dem dazugehörigen Park. Also bin ich kurzentschlossen in Narita Stadt (1. Station nach dem Flughafen) ausgestiegen, habe meinen sperrigen 15-Kilo-Rucksack in ein Schließfach am Bahnhof gequetscht und bin zum Narita-san (Narita-Berg) durch die Stadt gezogen.

Unterwegs bin ich an einem Taiko-Laden (Taiko = jap. Tommel) vorbeigekommen und ich dachte mir, Hineinschauen kann ja nicht schaden. Das war eine sehr gute Idee, denn der Verkäufer hat mir dann einen Flyer in die Hand gedrückt mit dem Hinweis, daß am 8. und 9.4. ein großes Taiko-Matsuri (Matsuri = Festival) stattfindet. Die Information war für mich goldwert, denn ich höre wahnsinnig gerne Taiko-Konzerte. Dann ging es weiter an der mit O-Miyage-Geschäften (O-Miyage = Souvenir) und zahlreichen Restaurants gesäumten, sehr sehenswertern Omotesando-Straße.

Am Eingang zum Narita-san (Narita-Berg) führt dann eine steile Treppe ca. 30m hoch zu den Tempelanlagen und dem sehr schön arrangierten Park.

Am Anfang der Treppe kommt man durch ein massives Eingangstor, an dem ein riesiger Chochin (roter Ballon oder Lampion) hängt. Auf dem Tempel-Plateau oben angekommen, trifft man zuerst auf einen Weihrauchstand, der mehr als genug allerdings für mich angenehmen Rauch verbreitet.

Die dahinter liegenden Tempel sind wie üblich überdimenioniert und protzig, wie ich finde. An dem Tag war es auch ziemlich warm (so um die 20 Grad) und ich habe in den großen Wanderschuhen ordentlich geschwitzt und mich geärgert, daß ich keine Turnschuhe auf die Reise mitgenommen hatte. Wie sich aber noch in den nächsten Wochen herausstellte, waren die warmen Schuhe die beste Wahl bei den folgenden Regentagen und den kalten Nächten, wo ich einen geeigneten Zeltplatz gesucht habe.

Der Park vom Narita-san stand noch in voller "Kirschblüte", von der ich dann leider in Tokyo nicht mehr viel zu sehen bekam. Dieses Jahr war die Kirschblüte ungewöhnlich früh dran und eigentlich habe ich extra im April und nicht im Mai die Reise angetreten, um die Kirschblüte noch voll mitzuerleben. In einem nahegelegenen Parkplatz neben dem Park konnte ich dann noch die schneeweiße Pracht von Kirschbäumen in voller Schönheit genießen. Die Bäume sahen aus wie gepudert.

Von Narita bin ich am späten Nachmittag nach Tokyo aufgebrochen und habe mich dummmerweise in die JR-Line gesetzt, die über Chiba fährt und viel länger braucht als die Keisei-Linie. Wenn man die Omotesando zurückläuft, kommt man zuerst an der JR vorbei.

In Tokyo bin ich abends erst einmal ins Sento. Das sind heiße Bäder in der Stadt, die mit beheizten Leitungswasser betrieben werden im Gegensatz zu den Onsen, die meisst aus natürlichen heißen Quellen gespeist werden (siehe auch meine Onsen-Seite).

Abends bin ich dann zu einer koreanischen Schulfreundin (die auch mit auf der Naganuma-Schule gewesen ist), bei deren 3-er WG ich dann 4 Tage übernachten konnte und wo ich auch kostenlosen Internetzugang hatte. Sie hat mich in Ichigaya abgeholt. Wir haben dann zu dritt nach Sonnenuntergang noch ein Mini-Hanami gemacht - mit Zeltplane und Matraze als Unterlage zum Sitzen. Ich hatte noch ein paar Stangen bengalisches Feuer mitgebracht, die vom letzten Silvester übriggeblieben waren. Die haben wir abgefackelt und uns mit Chuhai (alkoholisches Fruchtsaftgetränk) zugeprostet. Zu Hause bei ihr haben wir dann noch mit ein paar weiteren Chuhai bis nach Mitternacht "weitergefeiert".


2. Tag: Erinnerung an alte Zeiten in Shibuya

Mi, 5.4., Tokyo, Shibuya, Shinjuku
Am Mittwoch habe ich erstmal ausgeschlafen. Erfreulicherweise hatte ich keinen Jetlag. Ich konnte die Nacht sehr gut durchschlafen. Keinerlei Restmüdigkeit tagsüber.

Noch vor Mittag bin ich mit Yusan nach Shibuya gefahren. Wir sind zum Mittagessen in mein Stammlokal aus vergangenen Zeiten an der Naganuma- Sprachschule, einen Ramen-Schnellimbiss. Die Gyoza (eine Art gebratener Teigtaschen) sind dort sehr preiswert. Yusan fand das Essen nicht so gut, die Gyoza fand ich auch etwas fad. Ansonsten habe ich mich wohl schon an den Geschmack gewöhnt. Oder ich schmecke als Europäer die feinen Unterschiede einfach nicht.

Der kurze Besuch an der Naganuma-Sprachschule in der Nähe des Schinsen-Eki (Bahnhof der Inokashira-Sen) hat wieder alte Erinnerungen wach gerufen. Leider waren gerade Schulferien, so daß nur die Mitarbeiter beim Accounting, die Lehrer und vielleicht 2-3 Schüler, die sich wiedereingeschrieben haben, dort waren.

Dann kam Chikaku vom Mittagessen zurück - meine Wanderfreundin, mit der ich auf etlichen Touren rund um Tokyo unterwegs gewesen bin, als ich in Tokyo (2001/2002) gewohnt habe. Wir haben uns ein wenig unterhalten, aber da ihr strenger Chef gleich nebenan im Büro saß, haben wir nur kurz Zeit für ein Gespräch gehabt und sie ist zurück an ihren Schreibtisch. Dann kam zufällig noch Kodaira-seinsei vorbei - eine unserer früheren ganz netten Lehrerinnen. Sie hat sich sehr gefreut, daß 2 ihrer ehemaligen Schüler sich nochmal in der Schule haben blicken lassen.

Die folgenden beiden Abschnitte möge der technisch nicht interessierte Leser besser überspringen:

Da ich in den nächsten Tagen den neuen Sharp Zaurus PDA kaufen wollte, habe ich gleich noch in Shibuya bei der City-Bank mit meiner Postbank-Sparcard (Plus-Karte) gebührenfrei Geld abgehoben (das geht bis zu 3x im Jahr im Ausland). Bei First-Book habe ich ein Engl./Jap. - Jap./Engl.-Wörterbuch gekauft. Neben dem Sharp-Zaurus wollte ich in der nächsten Zeit noch ein gedrucktes Nachschlagewerk in den Händen halten. Ich war mir noch unschlüssig, welcher Sharp Zaurus es werden sollte - der neueste SL-C3200 mit 6GB Mircodrive, der SL-C3100 mit 4GB-Microdrive oder der SL-C1000 ohne Harddrive. Also habe ich in mehreren Läden schon mal mit den verschiedenen Modellen rumgespielt. Im Prinzip steckt in allen die gleiche Hardware bis auf das Microdrive. Genial daran ist vieles: das Display mit 640x480 Pixel, der SD-Card- und CF-Card-Slot (für LAN- und WLAN-CF-Karte, USB-Host-Anschluß, 128MB Flash und 64MB RAM, 8h Akkulaufzeit, wiegt nur rund 300g. Und das Wichtigste: es läuft Linux drauf! Die Modelle werden von Sharp nur in Japan verkauft. Es gibt zwar auch Anbieter in Deutschland, die den Zaurus als englischsprachige Variante vertreiben, aber das zu einem sehr hohen Preis. Ich wollte einen Zaurus mit japanischer Menuführung. Informatiker brauchen halt ihre Gadgets...

Wir sind dann nach Shinjuku weitergefahren und ich habe Yusan den Chuko (Second-Hand-Ware) Softmap-Laden gezeigt, wo gebrauchte Laptops verkauft werden. So preiswert fand ich die dann aber auch nicht. Ich wollte aber hauptsächlich nur nach einem gebrauchten Zaurus schauen. Den SL-C3100 gabs dort für 54.000 Yen, den SL-C1000 für 44.000. In Akiba sollte ich den dann noch preiswerter kriegen.

Danach bin ich mit Yusan vom Shinjuku Nord-Ausgang aus ins Batting-Center, wo ich mit Tina schonmal gewesen bin. Ich habe mich noch vage an den Weg erinnert und mit 1x Nachfragen war es auch schon gefunden. Für die Nicht-Japan-Kenner: In Japan ist Yakkyu (Baseball) eine Nationalsportart. Im Batting-Center übt man auf komplett mit Netzen überspannten Sportplatz oder Übungsplatz die Abschläge mit dem Baseball-Schläger. Die Bälle kommen aus Wurfmaschinen mit 80/90/100kmh entgegengeflogen. Bei einem perfekten Treffer mit dem Schläger fliegen sie in hohen Bogen wieder zurück.

Yusan hat kaum die Bälle getroffen und war ziemlich enttäuscht über die ersten Versuche. Ich hatte schon etwas Übung und habe ab und zu die Bälle in Richtung Wurfmaschine zurückbefördert. Um 19 Uhr haben wir uns an einem Bahnhof in der Nähe von Shinjuku mit Tina und einer WG-Freundin von Yusan getroffen und sind in ein Koreanisches Restaurant essen gegangen. Später kam dann noch die 2. WG-Freundin dazu. Ich habe mich für Bibinpa entschieden - mein Lieblingsgericht. Das Koreanische Essen war mit Kimchi wie erwartet scharf und super lecker.


3. Tag: Kollegen in Yokohama

Do, 6.4., Tokyo, Yokohama
Früh - ich glaube so 8 Uhr - ging erstmal wieder der nervige Wecker-Horror wie am Tag zuvor los. Erst klingelte Yusan's Handy, dann ging der Radio-Wecker an, dann nochmal mehrmals das Handy. Ich habe schließlich entnervt Yusan's Handy aus ihrer Tasche genommen und ausgeschaltet. Yusan und ihre WG-Gefährtin drehten sich bei der Klingelorgie im Bett einfach nur um und schliefen weiter (oder taten so). Warum stellen sie dann den Wecker, wenn sie sowieso weiterschlafen? Ich hab das nicht verstanden. Als ich sie dann später gefragt habe, meinte sie nur, das sei schon zur Gewohnheit geworden. Ich habe mich auch die nächsten 2 Tage nicht daran gewöhnen können und habe dann, einmal aufgewacht, solange gelesen. Aber ich konnte ja umsonst bei ihr übernachten und mein Gepäck unterstellen, also habe ich das zähneknirschend die paar Tage erduldet.

Vor dem Flug nach Japan habe ich noch auf den letzten Drücker per Mail meine Kollegen von Cyclades in Yokohama auf Englisch und Japanisch angeschrieben, und ein Treffen für diesen Donnerstag zum Mittagessen vereinbart. Also habe ich mich noch am Vormittag auf den Weg nach Yokohama gemacht. Von Ichigaya mit der U-Bahn nach Shibuya und von dort mit der Tokkyu-Toyoko-Line nach Yokohama und dann mit der Negishi-Line bis Kannai-Eki. Fr. Nakashima (Office Managerin) hat mich dort abgeholt. Sie hatte mir bis dahin auch als einzige auf meine Mail geantwortet. Ein paar Tage später hat mir dann noch mein Kollege Chris White geschrieben, der zu der Zeit noch auf einem Sales Meeting in Shanghai war. Mit ihm habe ich mich dann kurz vor meiner Abreise auch noch getroffen.

Das Office in Yokohama war nicht sehr groß, vielleicht 40qm, aber es arbeiten ja auch nur 4 Leute dort. Trotzdem OK und sehr ruhig gelegen. Zum Mittag sind wir in ein Sushi-Restaurant in der Nähe - ein kleiner Laden, aber wie erwartet gab es sehr leckeren Fisch. Die Rechnung ging natürlich auf Firmenkosten ;-) Fr. Nakashima erzählte mir dann noch, daß sie mit einem Schweizer verheiratet sei und mich gerne am Wochenende nach Hause einladen würde, um mich auch ihrem Mann vorzustellen. Ich sagte mit Freude zu, aber leider ist aus dem Treffen dann nichts geworden, weil ich unbedingt an dem Tag zu dem Taiko-Konzert (jap. Trommeln) nach Narita fahren wollte und meine Zeitplanung wieder mal voll daneben war. Vielleicht nächstes Mal. Und dann wurde ich auch gleich noch gefragt, ob ich nicht vielleicht doch wieder vor habe, in Japan zu arbeiten. Obwohl der Gedanke, wieder nach Japan zu gehen, immer noch in meinem Kopf herumschwirrt, habe ich dann doch etwas zurückhaltend geantwortet, daß ich darüber erst in ein paar Jahren wieder nachdenke. Mir gefällt es zur Zeit da wo ich wohne - in Erding - sehr gut.

Nach einer kurzen Verabschiedung von meinen Kollegen bin ich Richtung Yokohama Port geschlendert. Von dort hat man einen guten Ausblick auf den Yokohama-Tower und die benachbarten Hotel-Tower.

Richtung Yamashita-Park kommt man an dem in die Tokyo Bay hineinragenden langgestreckten Osanbashi Futo (Grand Pier) mit dem Yokohama International Passenger Terminal vorbei, auf dem ich mich ein wenig umgeschaut habe. Wenn man dort ein wenig herumspaziert hat man den Eindruck, auf einem Schiffsdeck unterwegs zu sein. Zumindest vermittelt die Form von Geländer und Holzboden einen solchen Eindruck.

Dann bin ich noch durch den Yamashita-Park, den ich schon von meinem letzten, lange zurückliegenden Besuch in Yokohama kannte. Und danach noch durch Motomachi - eine Shopping-Mall, die das noblere Viertel von Yokohama markierte.

In Tokyo, Shibuya hatte ich mir bei First Book einen "Nichi kaeri Onsen" Guide (One-day-Trip-Onsen Guide book) gekauft und ich wollte - da ich ein großer Onsen- und Sento-Fan bin - unbedingt in Yokohama in ein Onsen gehen. Gemäß Onsen-Guidebook bin ich also von Motomachi bis Nakayama-Eki gefahren, was schon lange dauerte (ca. 1/2h). Das Onsen war in der Nähe vom Zielbahnhof eingezeichnet. Vor dem Bahnhof habe ich dann im Koban nach dem weiteren Weg gefragt. Ein Koban ist eine Art kleine Polizeiwache, die Ortsunkundigen Auskunft über die nähere Umgebung geben kann, wo man was findet. Die schüttelten den Kopf, als ich meinte, das Onsen muss ganz in der Nähe sein und schickten mich zum Bus, der mich dann 20min mitten in die Pampa schickte, von wo aus ich dann noch 15min bis zum Onsen lief. Unterwegs schauten mich einige Japaner (im Bus) verstohlen an, was ich wohl dort "auf dem Land" suche. Vielleicht wars auch nur reine Neugier. Jedenfalls kam ich dann noch ins "Yokohama Yulando Midori Supa Sento Hassaku no Yu" (gehts noch länger?) Onsen mit Rotemburo (Außenbecken). Hat mir sehr gut getan und auch gefallen für nur 800 Yen Eintritt.

Als ich das Onsen wieder verlassen wollte, stellte ich zusammen mit der Dame vom Empfang fest, daß kein Bus mehr zum Bahnhof fuhr. Nach einem kurzen hektischen Gespräch mit dem anderen Personal hatte die Dame eine Besucherin mitgebracht, die sich ohne mein Zutun bereiterklärte, mich zum nächsten Bahnhof zu fahren. Ich habe natürlich gerne angenommen und musste dann im Auto die üblichen Fragen an einen Ausländer beantworten. Aber ich konnte so von einem größeren Bahnhof von Yokohama direkt nach Tokyo zurückfahren. Ich warte noch auf den Tag, an dem mir so eine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft mal in Deutschland begegnet...


4. Tag: Akihabara - das Mekka für Computer-Junkies

Fr, 7.4., Akihabara, Tokyo

Am Freitag habe ich mir Zeit genommen, um mich in Akiba nach meinem neuen Sharp Zaurus umzusehen. Für die, die Akihabara - oder kurz Akiba - nicht kennen: das ist ein ganzes Stadviertel im Osten von Tokyo, das ausschließlich aus Computer- und Elektronikläden besteht.

Wer nicht so technikinteressiert ist, der möge diesen Tagebucheintrag jetzt überspringen.

Meinen alten MI-P10 mit schwarz-weiß-Display, der mir mit seiner Kanji-Handschrifterkennung immer sehr gute Dienste als mobiles Wörterbuch geleistet hatte, habe ich vor einiger Zeit in München in der S-Bahn vergessen. Leider war er weder bei der Fundstelle der Deutschen Bahn noch bei Ebay wiederauffindbar. Schweren Herzens habe ich ihn schließlich aufgegeben. Wahrscheinlich ist er auf irgendeinem Flohmarkt verscherbelt worden. Wer kann in Deutschland schon einen PDA mit japanischen Betriebssystem gebrauchen, ausser den wenigen des Japanisch mächtigen Leuten? Ein englischsprachiges OS kann man auf den PDA nicht installieren, also was will der unehrliche Finder damit, habe ich mich gefragt. Naja, höchstens die 256MB-Compact-Flash-Card, die drin war, den PDA hat er danach wahrscheinlich weggeschmissen. Das spukte nach dem Verlust eine Zeitlang in meinem Kopf herum, weil ich mich geärgert habe, daß ich den nicht mehr wiederbekommen habe. Aber das war alles vergessen, als ich dann meinen neuen Zaurus in den Händen hielt.

Insgesamt habe ich in Akihabara an dem Tag 6h verbracht und 47.000 Yen verbraten, um den neuen Zarus samt Zubehör zusammenzukaufen. Ich habe mich für den Zaurus SL-C1000 ohne Microdrive wegen der längeren Akkulaufzeit entschieden. In einem Chuko-Laden (Second-Hand) wurde ich dann fündig und habe ihn für 29.800 Yen (durch den starken Euro verdammt günstige 205 Euro) gebraucht aber in 1a Zustand erstanden. Neupreis war zu dem Zeitpunkt ca. 46.000 Yen. Dazu habe ich mir gleich noch eine 1GB SD-Karte (4980 Yen), CF-LAN-Karte (3400 Yen), CF-WLAN-Karte (fürs WLAN-Internetcafe, 3750 Yen) und einen 100-240V Adapter dazugekauft (da standartmäßig nur mit 100V Adapter für's japanische Netz ausgestattet). Dazu kam noch Kleinkram wie 4-port Mini-USB-Hub, USB-all-Card-Reader und USB-Maus. Case und flexible USB-Tastatur (kann man zusammenrollen) habe ich später in Nagoya noch dazugekauft.

Nach der langen Shopping-Tour habe ich mich dann abends - es wurde bereits dunkel - in das allseits beliebte Linux-Cafe gesetzt, wo man kostenlosen WLAN-Zugang hatte und es alles ein wenig Cybermäßig wirkt, wenn die Leute an ihren Laptops klickern. Ich habe dort WLAN ausprobiert, was aber nach allen möglichen Versuchen immer noch nicht funktionierte. Ich dachte daher zuerst, daß die gebraucht gekaufte WLAN-Karte evtl. im Arsch ist, und fragte in einem Softmap-Laden, der noch zu der späten Stunde offen hatte (es war schon weit nach 20 Uhr), ob ich die WLAN-Karte umtauschen könne. Der Japaner vom Support suchte daraufhin eine Weile im Internet und meinte dann, ich müsse noch einen Treiber installieren. Etwas enttäuscht habe ich daher an dem Abend Akiba wieder verlassen. Erst nachdem ich bei Yusan zu Hause wieder Internetzugang hatte und Onkel Google fragen konnte, habe ich die Info, die mir der Japaner gegeben hatte, bestätigen können und den nötigen Treiber noch nachinstalliert. Ich habe damit die Geduld von Yusan arg strapaziert, da ich noch nach Mitternacht an ihrem Laptop saß, als sie schon Schlafen wollte.


5. Tag: Begrüßungsrituale in der Jugendherberge

Sa, 8.4., Tokyo, Iidabashi, Akihabara, Asakusabashi
An diesem Morgen und eigentlich auch schon ein wenig am Abend zuvor merkte ich langsam, daß ich mich schon zu sehr daran gewöhnt hatte, bei Yusan kostenlos übernachten zu können. Mein Status wechselte unmerklich aber doch irgendwie spürbar von "gern gesehener und bereitwillig aufgenommener Gast" zu "langsam überfällig zum Auschecken". Am Abend zuvor habe ich Yusan auch leichtfertig versprochen, heute eine Jugendherberge zu suchen, und ich hatte mir an diesem Morgen dann auch vorgenommen, das durchzuziehen. Ausserdem habe ich mir auch immer die Option offen gelassen, notfalls mit dem Zelt irgendwo am Tamagawa-Flußufer in Tokyo zu übernachten. Daraus wurde aber nichts, in Tokyo habe ich noch stets die bequeme Lösung bevorzugt. Also gegen Mittag von Yusan und Friends verabschiedet und mit dem schweren Rucksack "endlich" in die Ungewißheit, wo ich abends übernachten werde, losgezogen.

Im "Lonely Planet" fand ich das Tokyo International Youth Hostel (oder hier) in Iidabashi, was mit der JR nur ein paar Minuten von Ichigaya entfernt liegt. Also habe ich mich dorthin auf den Weg gemacht, allerdings zu Fuß. Wollte ja auch ein wenig die Gegend erkunden. Das Youth Hostel ist im 18. Stock vom Hochhaus "Central Plaza". Man hat genialen Ausblick auf die Stadt. Das finden natürlich viele andere auch und so waren leider auch alle Betten ausgebucht. Schade, hätte so ein genialer Overnight-Stay sein können. Naja, wäre auch zu schön gewesen. Beim Checkin-Counter habe ich erfahren, daß man schon 14 Tage im Voraus Übernachtung reservieren sollte, sonst hat man keine Chance. Also wäre es am Vorabend auch zu spät gewesen. Vom Checkin-Counter bekam ich dann einen Flyer mit allen Jugendherbergen in Tokyo (24) in die Hand gedrückt, sozusagen als Trostpflaster.

Nachdem ich alle preiswerten JH's durchgeklingelt hatte, blieb nur das Sumidagawa YH in der Nähe der Asakusabashi Station übrig, das noch Betten frei hatte. Mist, von dem quirligen belebten Iidabashi zum voraussichtlich öden Asakusabashi. Wieder auf dem Boden der Tatsachen im 1. Stock angekommen überlegte ich noch, ob ich heute noch zum Taiko-Matsuri (Fest mit jap. Trommeln), das 10 Uhr vormittags angefangen hatte, nach Narita fahren sollte und danach in die Jugendherberge einchecken, oder andersherum. Da es bereits Nachmittag war, habe ich mich entschlossen, erst am folgenden Tag nach Narita zu fahren, mich gleich in der Jugendherberge anzumelden und danach nochmal in Akiba vorbeizuschauen, um WLAN nochmal zu testen.

In der Jugendherberge angekommen, wurde ich erstmal Zeuge eines merkwürdigen Begrüßungsrituals. Der Japaner an der Rezeption spulte ein Programm ab, bei dem ich und auch andere ein Grinsen nicht unterdrücken konnten. Anhand einer Stoffpuppe, die er ins Bettlaken legte, dann das Laken umschlug und die Bettdecke darüber klappte, demonstrierte er mir, wie ich mich später zu Bett begeben sollte. Das Ganze wurde von perfekt einstudierten Erklärungen begleitet. Abgeschlossen wurde die Darbietung noch durch ein Verneigen der Stoffpuppe und "Thats all, good night. You see?". Zu gerne hätte ich das auf Video aufgenommen!

Wie erwartet, war die Jugendherberge sonst nicht so der Bringer, kein heißes Bad und Unterbringung in 12-Bett-Zimmer, d.h. ein großer Raum, der durch einen kaum ernstzunehmenden Sichtschutz in 2 Hälften zu je 6-Betten geteilt war. Erstaunlicherweise hatte ich die Nacht dort sehr ruhig geschlafen, es gab keine Schnarcher, die Wälder zersägt haben.

Natürlich konnte ich es nicht auf mir sitzen lasen, daß ich am Vortag WLAN mit meinem Sharp Zarus nicht zum Laufen kriegen konnte, und so bin ich nach dem Einchecken in die Jugendherberge noch einmal nach Akiba gepilgert... Es hätte bloss noch eine Gebetsmühle oder eine Perlenkette gefehlt, an der ich meine Sutra beim Rundgang durch Akiba hätte aufsagen können ;-)

Zusammen mit einen Angestellten in einem Computerladen, der selbst ein großer Sharp-Zaurus-Fan war und mir seinen Zaurus vorführte, haben wir dann endlich WLAN zum Fliegen gebracht. In dem Laden konnte ich dann (neben den anderen Angestellten) am Service-Counter sitzen und surfen, bis man mich dann kurz vor 21 Uhr (Samstag!) darauf hinwies, das gleich geschlossen wird. Draussen war es bereits dunkel, als ich mich auf den Rückweg machte. Auf dem Weg zur Jugendherberge bin ich noch in einem Okonomiyaki-Restaurant (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Okonomiyaki) eingekehrt.


6. Tag: Eine Stadt voll japanischer Trommeln

So, 9.4. Tokyo -> Narita -> Chichibu -> Yokoze
Am Vortag hatte ich leider den 1.Teil vom Taiko-Konzert (japanisches Trommeln) in Narita verpasst - das wollte ich heute nachholen. Leider musste ich dafür den Besuch bei der erwähnten Cyclades-Kollegin in Yokohama mit ihrem Mann aus der Schweiz absagen. Eigentlich schon zu spät um 10 Uhr habe ich mich auf den Weg nach Narita gemacht. Denn das wichtigste Event fing genau um diese Zeit dort auf dem Narita-san-Tempel an: ein Megakonzert mit 300 Taiko-Trommlern, die zusammen spielten.

Kurz vor Mittag bin ich dann in Narita angekommen. Auf der Omote-sando-Straße war das Fest schon in vollem Gange und es spielten schon die vielen verschiedenen Taiko-Gruppen. Ich habe dann fasziniert an den verschiedenen Ständen mehreren beeindruckenden Taiko-Konzerten zugehört. Die Japaner (egal ob Männer oder Frauen) an den Trommeln haben eine erstaunliche Ausdauer. Die Taikos (Trommeln) mit voller Kraft in den unmöglichsten Sitzpositionen zu schlagen ist Hochleistungssport.

An einem Stand konnte ich dann auch selber meine nichtvorhandenen aber mich selbst beeindruckenden Drummer-Fähigkeiten an einer großen Trommel ausprobieren.

Für die Kleinen war daneben eine Bastelrunde, in der sich jeder für 4000 Yen eine kleine Trommel unter Anleitung selber bauen konnte.

Unterwegs hatte ich dann noch ein Erlebnis ganz anderer Art, ziemlich unappetitlich. Zartbesaitete Leser mögen jetzt diesen Abschnitt überspringen!

Vor einem Unagi-Restaurant wurde von 2 Japanern lebender Unagi (Meeres-Aal) "vorbereitet". D.h. er wurde zappelnd auf den Tisch gelegt, mit einem Schnitt hinter dem Kopf wurden die Nerven durchtrennt (ob der Aal dann noch Schmerzen verspürt, weiss ich nicht), dann mit einem Eisendorn durch den Kopf gestochen und so auf dem Tisch fixiert, mit dem Tranchiermesser wird anschließend der komplette Hinterleib entlang des Rückgrats aufgeschnitten, dann das Rückgrat mit dem Messer herausgezogen und der Kopf abgeschnitten. Neben dem Tisch standen 2 Eimer - einer voll Gräten und der andere voll mit Aalköpfen... Mir war nicht mehr so wohl. Hunger hatte ich auch keinen mehr. Trotzdem habe ich mich überwunden, eine Weile zuzusehen und mir klarzuwerden, ob Unagi immer noch zu meiner Lieblingsspeise gehört. Viele andere Japaner schauten der Prozedur auch mit sichtlich angestrengten Gesichtsausdruck zu, Kinder eher erstaunt oder neugierig. Danach brauchte ich erstmal etwas Frischluft.

Nachmittags gab es dann noch eine Parade mit bunten Kostümen, Trommlern, Tänzern mit Kostümen aus Okinawa und eine Gruppe mit sehr komischen Masken, bei denen ich das Lachen manchmal nicht unterdrücken konnte, wie andere Japaner neben mir auch. Von einem Jihanki (Automaten) am Straßenrand habe ich mir 2 Chuhai (alkoholisches Getränk) gezogen und damit die Parade in bester Stimmung sowie die Getränke genossen. Das Festival neigte sich dann gegen 16 Uhr seinem Ende zu.

An diesem Tag hatte ich mir vorgenommen, die Nacht nicht wieder in Tokyo zu verbringen, sondern weiter nach Seibu-Chichibu zu fahren, um dort am nächsten Tag die Pilgerroute an den 34 Tempeln zu erkunden und endlich mein Zelt im Freien zu testen.

Seibu-Chichibu liegt im Nordwesten von Tokyo. Also bin ich von Narita über Tokyo von Ikebukuro mit der Chichibu-Ikebukuro-Line nach Chichibu gefahren. Auf der ungefähr 3-stündigen Fahrt wurde es langsam dunkel. In meinem Onsen-Guidebook hatte ich gesehen, daß es 1 Station vor Seibu-Chichibu in Chichibu-Yokoze ein sehr gutes Onsen gibt. Also bin ich dort ausgestiegen und habe ein paar Leute aus dem Zug nach dem Weg zum Chichibu-Yumoto-Onsen gefragt. Noch als ich die Karte studiert habe, kamen die 3 Mädels wieder auf mich zu und boten mir an, mich hinzufahren, da es ihrer Meinung nach zu weit zu laufen wäre. Ich nahm dankbar an, denn es war schon dunkel und kurz vor 20 Uhr, und um 22 Uhr machte das Onsen zu. Unterwegs im Auto wurde ich natürlich wieder über alles mögliche ausgefragt. Der kurze Lift war mein Glück, denn bis zum Onsen wäre es ein Fußmarsch von wohl 20-30 min gewesen. Mit dem großen Rucksack kein Spaß.

Das Yumoto-Onsen war klasse, leider hatte ich nur 2h Zeit - viel zu kurz, um all die schönen heißen Bäder und Sauna in Ruhe zu geniessen. Aber ich habe das Onsen bis zur letzten Minute ausgekostet und völlig entspannt und erholt den weiteren Weg angetreten.

Jetzt stand ich also mitten in Chichibu-Yokoze, es war nach 22 Uhr und dunkel, und ich wollte endlich das erste Mail mit dem Zelt draussen einen Schlafplatz suchen. Wo sollte ich mit Suchen anfangen? Ich hatte keine Wanderkarte vom Ort dabei und mußte irgendwie einen versteckten Platz im Wald oder auf einem Berg finden.

Direkt neben dem Onsen gab es eine Camping-Site am Fluß. Doch dort sah es eher aus wie auf einer Baustelle mit der aufgewühlten Erde. Außerdem, mitten im Ort wollte ich nicht mein Zelt aufschlagen. Also bin ich Richtung Bahnhof losgezogen, da ich bei der Ankunft dort im Halbdunkel noch einen Berg ausgemacht habe. Vor dem Bahnhof endeckte ich dann eine Karte mit den Wanderwegen in die umliegenden Berge - genau das, was ich brauchte! Also habe ich mir so gut es ging, den Namen vom Berg und den Weg dorthin eingeprägt und bin losgelaufen. Ich wollte ausserhalb von den Wohnvierteln, wo es niemand stört nächtigen.

Nach einigen Umwegen habe ich dann den richtigen Trampelpfad ins Unterholz gefunden. Dank richtiger Reise-Vorbereitung hatte ich auch eine Taschenlampe dabei, die mir wertvolle Dienste auf dem Weg über Stock und Stein im Dunkel des Waldes geleistet hat. Ich hoffe, mich hat dort kein Japaner beobachtet, wie ich mich mitten in der Nacht in den Wald geschlichen habe...

Auf einer Anhöhe im Wald wollte ich mich niederlassen und war gerade dabei, das Zelt auszupacken, als es in einiger Entfernung raschelte und ein oder mehrere Waldbewohner (ich tippe auf Wildschweine) durch den Wald schlichen. Mit Besuchern hatte ich nun nicht gerechnet. An einer Begegnung mit den Gästen im Schlaf hatte ich auch kein Interesse, also alles wieder einpacken und weiterziehen. Langsam wurde ich durch das Bergsteigen mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken auch ziemlich durstig, hatte aber dummerweise in der Stadt keine Getränke mitgenommen. Das sollte sich für die nächsten Male einprägen.

Nach einer halben Stunde anstrengenden Anstieg kam ich wieder auf eine Straße und an Häusern vorbei. Noch ein Stück weiter stand ich dann überglücklich plötzlich vor einem Getränkeautomaten, die in Japan bekanntlich überall rumstehen. Dankbar habe ich meine Flüssigkeitsreserven aufgetankt und für die Nacht im Zelt etwas mitgenommen.

Dann bin ich wieder ein Stück zurück in den Wald und habe mein Zelt aufgebaut. Im Dunkeln mit einer kleinen Taschenlampenfunzel keine leichte Aufgabe. Bei diesem ersten Mal in freier Natur dauerte es fast eine halbe Stunde. Ich hatte daheim in meiner Wohnung das Zelt ja probehalber schon mal aufgebaut, aber im Wald war es dann doch etwas anderes. Wie sich in der Nacht und am folgenden Tag rausstellte, war der Patz schlecht gewählt: ich hatte das Zelt auf einer schrägen Fläche aufgestellt, so daß ich ständig von meiner Matraze runterrutschte und mich nur durch Gegenstemmen mit den Füßen gegen die Zeltwand stabilisierte. Und unter dem Zelt waren einige häßliche Baumwurzeln. Aber ich habe Stück für Stück dazugelernt.

Die erste Nacht im Zelt kostete mich etwas Überwindung. Auf die bequeme Unterkunft in der Jugendherberge zu verzichten, war gewöhnungsbedürftig. Aber es war einfach phantastisch draussen im Freien zu übernachten. Und ich hatte auch keine Besucher in der Nacht.


7. Tag: Keine Bekehrung in heißen Bädern

Mo, 10.4. Yokoze -> Chichibu, Chichibu -> Odawara

Am Morgen nach der 1. Nacht im Zelt bin ich ausgeruht aufgestanden und habe mir meinen Zeltplatz bei Tage betrachtet. Mitten im grau-braunen Waldgestrüpp stach mein petroleumfarben-grünes Zelt hervor. Also noch schnell ein paar Photos davon gemacht und das Zelt zusammengepackt. Danach bin ich auf dem Waldweg bergab zurück in den Ort. Einige Japaner schauten mir wieder nach, als ich mit dem großen Rucksack dort auf dem Weg zum Bahnhof durch die Wohngegend marschierte, in die sich wohl noch nie ein Ausländer verirrt hat. Mit dem Zug bin ich dann 1 Station weiter von Chichibu-Yokoze nach Seibu-Chichibu gefahren.

Aber warum wollte ich unbedingt nach Seibu-Chichibu? Nun, ich hatte irgendwo - entweder bei einem Treffen der OAG (Ost-Asien-Gesellschaft) in Tokyo (als ich von 2001-2002 dort wohnte) oder bei dem DAAD-Stipendiatentreffen im DJZ (Deutsch-Japanisches-Zentrum) in Berlin 2004 ein ausgemustertes Buch mit dem Titel "Chichibu - Japan's Hidden Treasure" aufgegriffen, das über die 34 Kannon-Tempel von Chichibu und eine Pilgerreise um diese Tempel herum ausführlich berichtete und das als einzigartiges Kultur- und Naturerlebnis anpries. Also dachte ich mir, das muss ja sehr sehenswert sein und so sollte Chichibu mein erstes Ziel nach Tokyo und vor der Rundreise auf der Halbinsel Izu Hanto werden. Soweit mein Plan.

Vom JR Bahnhof bin ich zum Hanatabata-Bahnhof gelaufen, von dem aus einige entferntere Tempel erreichbar sind. Unterwegs kamen mir schon die ersten Zweifel, daß das eine interessante Tour werden könnte. Ein trister Ort mit kaum irgendwelchen Grün dazwischen war mein erster Eindruck. Die Häuser teilweise runtergekommen. Und fast nur ältere Leute.

Ich dachte mir, bevor ich mit dem Zug weiter rumkutsche, kann ich ja mit dem Pilgerpfad in dem Ort schon mal anfangen. Neben dem Hanatabata-Bahnhof lag gleich um die Ecke der Jinga-Tempel. Dort schwebte mir erstmal von dem Dieselgenerator, der direkt neben dem Tempel stand, unangenehmer Abgasgeruch in die Nase, was dem kulturellen Erlebnnis nicht gerade zuträglich war. Nicht gleich aufgeben, dachte ich mir noch. Nebenan war übrigens ein Kindergarten an den Tempel angegliedert. Der Rauch fördert sicher die Gesundheit der Kleinen...

Die Kirschblüte vor dem Tempel rettete das insgesamt traurige Gesamtbild an diesem Platz dann auch nicht mehr. Dann bin ich zum nächsten Tempel , der auch auf der Straße mehr oder weniger deutlich ausgeschrieben war (die Tempel werden nur mit ihrer Nummer auf dem Pilgerpfad ausgeschrieben). Der nächste Tempel war auch nicht gerade umwerfend und so bin ich weiter durch den trostlosen Ort geirrt, und mein Wunsch verstärkte sich, umzukehren.

Dann fing es noch an zu nieseln und es war beschlossene Sache, daß ich hier verschwinde und wieder ein Onsen aufsuche. Eigentlich wollte ich auch von Chichibu Richtung Westküste von Izu Hanto trampen, aber ein Blick auf die Karte belehrte mich eines besseren - es gab keine Straße, die mich direkt dort hingebracht hätte. Wenn, dann nur extrem umständlich. Also habe ich mich für den Umweg über Tokyo, Shinjuku entschieden. Da mir die Touri-Info in Chichibu kein preiswertes und gut erreichbares Onsen im Ort ermpfehlen konnte, habe ich mich nach einem Blick in meinen Onsen-Guide für das Aqua Resort in Iruma bei Hanno auf dem Rückweg nach Shinjuku entschieden.

Nch der anschließenden Zugfahrt in Iruma angekommen, habe ich das Onsen nach 2x Weg erfragen und 1/2 Stunde Fußmarsch erreicht. Der Rucksack mit seinen 16 Kilo drückte schon ordentlich. Der Eintritt mit 500 Yen war OK, und meinen schweren Rucksack konnte ich an der Rezeption aufgeben. Ich habe die heissen Bäder nach dem vielen Laufen an diesen Tag richtig genossen.

In dem Onsen hatte ich noch eine interessante Begegnung mit einem evangelischen Pastor aus Deutschland, der mit seinem Kleinkind im Schlepptau ins Bad stieg. Wir kamen ins Gespräch und er erzählte mir, daß er schon seit etlichen Jahren in Japan wohnt und für seine Gemeinde auf Japanisch predigt. Japaner kommen zu ihm (zu einem Deutschen!), um sich (auf Japanisch) bei ihm Rat zu holen und er macht auch bei Japanern Hausbesuche. Letzteres kenne ich noch von meinem Großvater, bei dem jede Woche der Pastor zum persönlichen Gespräch bei uns zu Hause (in Deutschland) vorbeischaute, weil mein Opa nicht mehr gut zu Fuß unterwegs war.

Doch zurück zum Onsen: Zwischendurch unterhielt sich der Pfarrer noch mit einem Japaner und das zeigte mir, daß er fließend Japanisch sprechen konnte. Kein Wunder, wenn er auch Predigten auf Japanisch halten muß... Zuguterletzt hat er mich noch eingeladen, ihn zu besuchen. Allerdings habe ich ihn augenzwinkernd darauf hingewiesen, daß er bei mir wohl wenig Chancen auf eine Bekehrung hat...

Es war inzwischen dunkel geworden, als ich mich auf den Rückweg zum Bahnhof machte. Unterwegs kam ich an einer großen Brücke vorbei und ich spielte mit dem Gedanken hier am Flußufer mein Zelt aufzubauen, dann hätte ich gleich unkompliziert einen Schlafplatz gefunden. Aber es war erst gegen 9 Uhr abends und ich wollte nicht schon wieder in Tokyo festsitzen. Also bin ich nach Shinjuku weiter. Es war schon ein "strange feeling" als Backpacker mit dem großen Rucksack mitten im Shinjuku Bahnhof rumzulaufen, wo viele mit Anzug von der Arbeit kamen (so lange wird halt in Japan gearbeitet). Nur raus aus Tokyo! Also weiter mit dem Odakyu-Express in etwa 1 1/2 Stunden bis nach Odawara, bis zur Endstation. Leider habe ich dadurch nichts mehr von der Umgebung gesehen, draussen war es bereits stockdunkel.

Odawara sollte meine erste Nacht am Strand werden. Nach etwa 20 min zu Fuß war ich endlich am Meer. Ein geniales Gefühl, das Rauschen des Wassers und die Wellen ans Ufer schlagen zu hören. Direkt am Ufer führte der Highway entlang. Unter dem Highway hatte ich genügend Abstand zum Wasser, feinen ebenen Sandboden, um das Zelt perfekt aufzubauen und war geschützt vor eventuell einsetzenden Regen. Der Lärmpegel von den Lastern war unter dem Highway erstaunlich niedrig, das Meer war eigentlich lauter. Und so baute ich schließlich total müde meinen Schlafplatz auf.


8. Tag: Onsen-Marathon und Zelten im Regen

Di, 11.4., Odawara -> Hakone Yumoto
Ich habe lange und gut geschlafen am Strand von Odawara unter dem Highway. Das (leise) Rumpeln der Laster, die über den Highway donnerten, wurde übertönt von den Wellen, die am Strand aufschlugen. Allerdings war die Brandung auch nicht so laut, das es mich störte. Nein, ich mag die Geräusche, die das Meer mit den Wellen erzeugt und könnte stundenlang hinhören. Das ist für mich so ähnlich wie am Lagerfeuer, da kannte ich ewig fasziniert den Flammen zuschauen und es knackt so herrlich, wenn das Holz durch die Hitze zerspringt.

Ich wachte auf, es war schon hell draußen und ich hörte in der Nähe immer wieder ein paar Schiffsgeräusche, drehte mich aber sofort um und schlief gleich wieder ein. Als ich dann endlich aus dem Zelt schlüpfte, war es schon fast Mittag. Ich packte wieder "schnell" mein Zelt zusammen - d.h. konkret, jedesmal den ganzen Rucksack wieder neu einpacken, weil alle Sachen wieder in einer bestimmten Reihenfolge eingepackt werden mussten, und das dauert ca. mindestens 1/2 Stunde.

Dann suchte ich meinen Weg zurück in die Stadt Richtung Bahnhof, wobei sich der Hinweg am Vorabend noch wesentlich einfacher gestaltete. Ich musste ein paar Japaner fragen, bis ich wieder auf dem richtigen Weg war. Ein älterer Japaner verwickelte mich auch wieder gleich in ein längeres Gespräch, was darauf hinauslief, daß wir zum Schluß die Gemeinsamkeiten und guten zwischenstaatlichen Beziehungen zwischen Japan und Deutschland hochlobten. Solche spontanen Gespräche bauen mich auf, wenn ich merke, daß da ein echtes freundschaftliches Interesse und Anerkennung für das jeweils andere Land da ist. Daran sollten sich die USA mal ein Beispiel nehmen!

Weiter ging es, vorbei am Odawara-Schloß, wo ich nur ein paar Photos machte von einer roten Brücke. Das Wetter gefiel mir allerdings immer weniger. Mittlerweile nieselte es schon, und das zur Zeit der Kirschblüte - wo ich mir eigentlich bestes Reisewetter erhofft hatte. Am Bahnhof überlegte ich dann, ob ich gleich den Round-Trip um die Izu-Halbinsel (Izu-Hanto) antreten sollte, oder noch einen Abstecher nach Hakone-Yumoto (Hakone - heiße Quellen) - DEM Erholungsort der Japaner und Onsen-Fans mache. Bisher war ich nur einmal dort und das auch nur sehr kurz, um in der Nähe vom Bahnhof mit einer Freundin ein Onsen aufzusuchen.

Eigentlich kann ich es mir diesmal ein bischen länger anschauen und vielleicht auch zelten, dachte ich mir und so setzte ich mich in den Zug nach Hakone-Yumoto. Diese Gegend ist zu Recht die Meistbesuchte in der näheren Umgebung von Tokyo. Unterwegs im Zug leuchteten mich saftig grüne Wälder an - Natur pur. In meinem Onsen-Guidebook hatte ich schon ein günstiges Onsen ausgesucht, das Yajikata-Onsen, das vom Bahnhof aus leicht zu finden war.

Dort wird man wie im Hotel begrüßt, aber ich konnte bei den Bediensteten auch ein verstecktes Schmunzeln wegen meinem riesigen Rucksack bemerken (das muss in etwa so gewirkt haben, wie wenn ein Reisender mit 2 großen Koffern in ein Restaurant eintritt - das passt einfach nicht). Natürlich wurde ich korrekt und freundlich behandelt, aber das Tuscheln unter den Leuten habe ich dann doch mitgekriegt. Arrgh, da ist man dann wieder dieser Gaijin, der komische Ausländer. Aber dafür man hat ja auch gewisse Freiheiten, bzw. Narrenfreiheit als Ausländer, die sich ein Japaner nicht herausnehmen kann - z.B. im Onsen photographieren (natürlich, nachdem man vorher die Erlaubnis dazu bekommen hat). Das Onsen selber war richtig klasse (wie erwartet), zwar klein aber fein, mit Aussenbecken (dem sog. Rotenburo).

Dadurch, daß ich die letzten 2 Nächte im Zelt verbracht hatte, und ich meinen neuen Sharp Zaurus ständig benutzte, vorwiegend das dt./jap. Wörterbuch und um den Reisebericht weiterzuschreiben, war der Akku fast leer. Hier waren Steckdosen und ich konnte endlich meinen Zaurus wieder aufladen. Das war auch deswegen praktisch, weil ich dann wieder in (den selten vor allem kostenlosen) WLAN-Cafes nach neuen Mails checken konnte. In den meisten Cafes oder Restaurants (in denen ich unterwegs eingekehrt bin) sind die Steckdosen nämlich entweder verdeckt, zugeklebt, oder einfach gar nicht vorhanden. Wer rechnet schon damit, daß so ein schräger Ausländer mit seinem elektronischen Equipment herumreist und dann nicht mal im Hotel, sondern auch noch im Freien im Zelt übernachtet (hat das überhaupt jemand ausser mir gemacht?)! Für einen Japaner gar nicht vorstellbar, draussen im Zelt zu übernachten (ausser vielleicht Bergsteiger), und jeder, dem ich davon erzählt hatte, dachte zuerst, ich binde ihm einen Bären auf - bis ich die Bilder auf meinem Zaurus präsentierte...

Als ich aus dem Yajikata-Onsen kam, war es schon halbdunkel und es regnete zunehmend stärker. Es wurde Zeit, einen Platz zum Übernachten zu finden.

Ich zog weiter aus dem Zentrum Richtung Berghänge, einen aufgespannten Regenschirm unter den Arm geklemmt, um mit der Kamera das im Dunkel mit Neonlampen leuchtende Ortsausgangsschild zu photographieren - "Hakone Yumoto Onsen, vielen Dank und kommen Sie wieder!". Unterwegs habe ich mir zur Aufheiterung und gegen den Regen ein Chuhai (den bekannten Alkopop) am Straßenautomaten gezogen, was mit Riesenrucksack, Regenschirm unterm Arm und Kleingeld raussuchen nur sehr umständlich zu bewerkstelligen war. Als dann der Alkohol seine Wirkung entfaltet hatte, war ich trotz des Regens wieder bei bester Laune und hatte genügend Energie für einen langen Marsch.

Die Ryokans (traditionelle gehobene jap. Herberge) und großen Hotels am Wegesrand habe ich geflissentlich ausgelassen, da ich von denen noch Preise ab 10.000 Yen aufwärts für eine Übernachtung in Erinnerung hatte. Dann ging es steil eine Straße hoch und ich stand nach einem schweißtreibenden Anstieg (wegen dem schweren Rucksack) vor dem nächsten Onsen mit akzeptablen Eintrittspreis (ich glaube es waren ca. 1000 Yen) und einem Hotel gegenüber. Also habe ich mir überlegt: wenns nicht zu teuer ist ab in ein warmes Zimmer und am nächsten Morgen gleich ins Onsen gegenüber! Dann bin ich zur Rezeption und als ich den Preis pro Person für die Übernachtung von 3800 Yen hörte, war ich einverstanden und wollte gleich einchecken. Das war aber nur die halbe Miete, denn der Hotelangestellte erklärte mir gleich darauf, daß nur 2-Bett-Zimmer verfügbar sind und ich deshalb den Preis für 2 Personen bezahlen muß. Das war mir dann aber doch zuviel und ich habe mich niedergeschlagen mit einem freundlichen "Nein Danke" gleich wieder verabschiedet. So bin ich noch eine ganze Weile im Regen herumgezogen und schließlich festigte sich die Idee, die Nacht heute auch im Zelt zu verbringen.

Es regnete bereits in Strömen und es war schon später Abend so gegen 21 Uhr geworden. Eine Straße, die bergauf und aus dem Ort heraus zum Wald führte, bin ich immer weiter gelaufen. Inzwischen hatte ich auch schon meine Taschenlampe rausgekramt, da die Straße nicht beleuchtet war. Meine Jeans war schon total durchnäßt, aber das machte schon nichts mehr aus. Und ich bin froh gewesen, die festen Wanderschuhe mitgenommen zu haben, die mir bei dem Sauwetter sehr gute Dienste leisteten.

Nach einer Weile laufen, schon außerhalb der Wohngegend war kurz vor dem Wald ein von Netzen eingezäunter Trainingsplatz auf einer leicht abschüssigen Fläche, wo noch genügend Platz zum Zelten auf dem Rasen zwischen Straße und den Netzen war. Also habe ich dort am unteren Ende der Fläche schnell mein Zelt ausgepackt und aufgebaut. Nach einer Weile bemerkte ich, daß just an dieser Stelle, wo es abflachte, das Wasser von der ganzen geneigten Ebene herunterlief und sich sammelte, und ich stellte mir schon in Gedanken vor, wie mein Zelt in der Nacht im Regen absäuft. Also nochmal das ganze Zelt angehoben und unter Fluchen weiter oben plaziert. Den Rucksack hatte ich derweil an einen Mast gelehnt und den Regenschirm darüber gespannt, um den Inhalt zu schützen. Das hieß aber, das ich nun im gnadenlos auf mich niedergehenden Regen das Zelt umdisponierte. Das ging dann umso schneller. Als das Zelt dann endlich stand (Rekordzeit!) habe ich schnell den Rucksack hineingeworfen und mich ins Zelt begeben. Beim Auspacken vom Rucksack stellte sich heraus, daß trotzdem die Hälfte der Sachen darin naß geworden war. Die Bücher hatten glücklicherweise nur wenig abbekommen.

Nun brauchte ich noch Trinkvorräte für die Nacht und den Morgen. Außerdem wollte ich noch nach Deutschland mit meiner Freundin telefonieren. Also bin ich nochmal mit Lampe, Regenschirm und Geld zurück in den Ort zum nächsten Jidohanki (Getränkeautomat) - der ja bekanntlich an jeder Ecke steht - und danach zur Telefonzelle. Das war dann schon kurz vor Mitternacht. Am Telefon habe ich erstmal mein Herz ausgeschüttet von der harten Prüfung vom ersten richtigen "Urban Camping" (nenne ich jetzt mal so angelehnt an "Urban running"). Mit einem warmen Tee (der war wirklich genial) und Chuhai bin ich zurück ins Zelt. Und dort angekommen, gleich in den Schlafsack gekrochen. Durch den Regen wurde es nämlich langsam schon etwas kühl, selbst mit Hose und Jacke im Schlafsack.

Im Zelt habe ich nun meinen Reisebericht auf dem Zaurus-PDA weitergeschrieben, mit der Taschenlampe an der Zeltdecke und einem warmen Tee neben mir. Der Regen prasselte draussen in Strömen auf das Zelt - und sonst kein anderes Geräusch, das war einfach ein geniales Gefühl! Ich war noch lange wach und habe dem Regen gelauscht. Allerdings war der Regen so laut, daß ich dann nur schwer einschlafen konnte.


9. Tag: In der Stadt des Navigators

Mi, 12.4., Hakone Yumoto -> Ito (Izu Hanto)
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatte der Regen aufgehört. Auf der nahegelegenen Straße fuhren gelegentlich Autos vorbei, die wohl auch einen kurzen Blick auf mein erbsengrünes Zelt warfen. Als ich dann vor das Zelt trat, hatte ich einen schönen Ausblick auf die Berge gegenüber, und neben der Straße die Reste verblühender Sakura-Kirschblüte. Nun sah ich bei Tageslicht auch die Stelle, an der ich am Abend davor mein Zelt zuerst aufgestellt hatte. Dort stand alles unter Wasser. Ich war so was von froh, daß ich mein Zelt nochmal umgestellt habe! Gleich neben dem Zelt entdeckte ich auch einen Wasserhahn, der frisches kühles Wasser zum Zähneputzen spendete. Beim anschließenden Zusammenpacken der Sachen mußte ich feststellen, daß immer noch die Hälfte der Sachen naß war. Wann sollte es auch trocknen, wenn es die ganze Nacht regnet und sich die Feuchtigkeit im Zelt sammelt...

Nachdem ich zurück in den Ort marschiert bin, brauchte ich nicht lange nach dem nächsten Onsen suchen. Das Hakone-no-Yu war das erste, das auf dem Weg lag. Und es war auch in meinem Onsen-Guidebook beschrieben. Der Eintritt kostete 2000 Yen und ich kam gerade an, als um 10:30 Uhr geöffnet wurde. Endlich mal der erste Gast im Onsen! Da die heißen Bäder noch vorbereitet wurden, habe ich mir solange im Ruheraum (Kyukei-Shitsu) die Zeit vertrieben.

Als alles fertig war und ich den Badebereich betreten habe, gingen mir als eingefleischter Onsen-Fan fast die Augen über. Ein großer Außenbereich (Rotem-Buro) mit wunderschönen Steinbecken! Ich habe jedes Bad lange genossen. Die pure Erholung! Dieses wunderschöne Onsen wollte ich unbedingt mit meiner Kamera festhalten. Ich habe deshalb die Japaner gefragt, ob es etwas ausmacht, wenn ich ein paar Photos schiesse. Zur Begründung sage ich immer, daß ich für meine Freunde in Deutschland, die nicht nach Japan kommen können, unbedingt ein paar Photos machen will. Das wird meist akzeptiert.

Ich habe dann bestimmt eine halbe Stunde mit meiner Kamera rumgenipst. Einige Japaner wollten sogar unbedingt mit aufs Bild ;-)

Nach dem ausgiebigen Bad habe ich die Fußmassagegeräte ausprobiert, die ich bisher auch nur in Japan gesehen habe. Dazu steckt man die Füße in das Massagegerät und läßt es sich dann gut gehen. Kitzelt ungemein, wenn man es nicht gewöhnt ist, und man muß sich zusammenreißen, die Füße nicht gleich wieder rauszuziehen.

Anschließend bin ich wieder in den Ruheraum, wo ich mit einem älteren Japaner ins Gespräch kam. Er hat mich allerlei gefragt und wir haben uns wohl 1 Stunde lang unterhalten. Nach einem Mittagessen mit Soba-Nudeln und Bier war ich dann so müde, daß ich mich wie viele andere Japaner auch auf dem Boden im Ruheraum ausgestreckt habe und eingeschlafen bin. Vollkommen erholt und wiederhergestellt habe ich das Onsen verlassen und von außen zur Erinnerung noch Photos gemacht - so gut hat es mir dort gefallen.

Mit dem Zug ging es nachmittags von Hakone zurück nach Odawara. Dort hatte ich im KFC kostenlos WLAN und konnte wieder mal Mails lesen. Leider waren aber die Steckdosen zugeklebt und damit die Onlinezeit beschränkt. Ich habe mich dann aufs stille Örtchen zurückgezogen, da dort die einzige nutzbare Steckdose zu finden war. Ich wollte auf meinem Zaurus ja den Reisebericht noch weiterschreiben.

Nach dem Abstecher nach Hakone wollte ich endlich die Rundreise um die Halbinsel Izu (Izu-Hanto) antreten. Eigentlich hatte ich vor, die gesamte Strecke an der Küste entlang zu trampen. Am Anfang war ich aber noch ein wenig bequem und so bin ich mit dem Zug zum nächsten Ziel, nach Ito gefahren.

Nach Ito wollte ich fahren, weil es im Lonely-Planet als der Ort erwähnt wird, wo Anjin-san - der Navigator (William Adams) in Clavell's Buch "Shogun" ein Shiff für das Tokugawa-Shogunat gebaut hat. Davon sieht man im Ort selbst natürlich nichts, aber ich wollte aus Prinzip wenigstens mal dagewesen sein.

Als ich in Ito ankam, wurde es schon langsam dämmrig und nachdem ich erfahren hatte, daß es dort keine Jugendherberge, sondern nur ein Business-Hotel zum Übernachten gibt, wanderte ich noch unschlüssig durch die Stadt, ob ich wieder im Zelt übernachten soll, oder nicht.

Unterwegs bin ich mal wieder mit einem Japaner ins Gespräch gekommen - diesmal ein Jugendlicher, der am Bahnhof rumgehangen und nichts zu tun hatte. Der war dann ziemlich anhänglich.und hat mich noch zum Ramen-Essen und auf ein Bier eingeladen. Manchmal kriegt man bei der Gastfreundschaft schon wieder ein schlechtes Gewissen. Ich wollte selber bezahlen, aber das hat er vehement abgelehnt. Er hat dann auch noch angeboten, daß ich bei seiner Familie mit übernachte, aber soweit wollte ich dann doch nicht mit.

Auf's Bussiness-Hotel hatte ich nicht soviel Lust, zumal das auch mit knapp 5000 Yen zu Buche geschlagen hätte. Also habe ich mich langsam aber zielsicher in Richtung Strand zum Hafen bewegt. Da stand ich nun - die Wohnhäuser und Hauptstraße hinter mir, das Meer vor mir. Dazwischen ich auf dem Streifen des Sandstrandes (naja, keiner mit Palmen, der zum Baden einladen hätte). Anfangs hatte ich noch starke Hemmungen so direkt vor den Blicken der Anwohner da mein Zelt aufzuschlagen. Aber schließlich habe ich mich überwunden und das Zelt aufgebaut. War am Abend ein schöner Anblick mit den Lichtern der Stadt und den Schiffen draussen auf dem Wasser.


10. Tag: Strandgolfer und persönliche Reiseführer

Do, 13.4., Ito -> Inatori
Obwohl ich das Zelt in der Nähe der Hafenstraße am Strand aufgebaut habe und früh viel Verkehr war, konnte ich sehr gut schlafen. Dann wachte ich auf, die Blase drückte, ich war aber einfach zu faul und müde, um das Zelt schon zu verlassen. Also drehte ich mich nochmal um und schlief wieder ein.

Dann hörte ich wiederholt ein Klicken vor dem Zelt und machte aus Neugier den Zelteingang ein wenig auf, um rauszuschauen. Da stand doch tatsächlich früh um 8 Uhr ein Japaner am Strand und übte Golfabschläge mit Steinen.

Nachdem der Strandgolfer weg war und meine Blase unerträglich stark nach Erleichterung drängte, habe ich mich dann aufgerafft und bin aus dem Zelt. Vor mir lagen ein paar Boote und hinter mir rollte der Verkehr. Ich habe schnell noch ein paar Photos von meinem Zelt mit der Stadt und dem Hafen im Hintergrund gemacht und dann schnell zusammengepackt. Schließlich hatte ich keine Lust, von den Leuten, die am Hafen vorbeischlenderten und von den Häusern aus weiter beäugt zu werden, aber eigentlich hatte ich diese Scham schon am Abend zuvor überwunden. Man gewöhnt sich an Einiges.

Dann bin ich in die Stadt, unschlüssig, ob ich nun schon mit dem Zug weiter Richtung Süden nach Shimoda aufbrechen sollte, oder trampen oder noch was essen. Unterwegs habe ich noch ein Photo von einem schmucken Oldtimer gemacht. Dann kam ich am Kaitensushi (Sushi auf dem Rollband) vorbei, aber der machte erst um 11 auf und es war kurz nach 10 am Vormittag.

Um die Zeit totzuschlagen bin ich mit dem 15-Kilo Rucksack noch eine steile Straße in einem Wohnviertel hochgelaufen, vorbei an Baustelle und Presslufthammer und als Belohnung hatte ich dann einen Blick von oben auf die Hafenstadt von Anjin-san (aus "Shogun", siehe voriger Eintrag). Nach dem Abstieg bin ich direkt in den Kaitensushi - ich war der erste Gast! Ich habe nach langer Zeit wieder Unagi, Maguro, Ika, Bintoro und Tamago gegessen, richtig lecker. Allerdings war es mit 1700 Yen auch nicht gerade preiswert.

Nach dem Essen habe ich mich fürs Trampen entschieden, denn das hatte ich mir für die Reise auch noch vorgenommen. Ich bin dann ca. 1h rumgelaufen, um nach einer geeigneten Stelle für einen Lift zu suchen. Und nach 5min hielt dann auch schon jemand. Das sollte dann ein sehr lustiger Trip werden.

Wir hatten uns eine ganze Weile unterhalten, bis Suzuki-san vorschlug, noch einen Abstecher nach Jokasaki (steile Felsenklippen bei Izu-Kogen) zu machen. Ich hatte nichts dagegen, da ich sowieso Natur sehen wollte und ich die Ecke nicht kannte. Auf meine Frage, was er denn beruflich mache, kam die Antwort, daß er Hotaru (Glühwürmchen) züchtet und früher im Shiyakusho (Landratsamt) gearbeitet hat. Was es nicht alles gibt. Dann rief er noch seine Frau an, sie solle doch mit dazukommen. Die Felsenklippen bei Izu-Kogen waren wirklich imposant. Dann erklärte er, daß er hier die Toilettenhäuser mit entworfen hat (sic!) - es wurde immer abgefahrener - und auch einen Park in der Nähe, sowie das Abbild der Hängebrücke an den Klippen in Form eines Steinmonuments. Jetzt mußte ich natürlich schon eine Menge Lob und Erstaunen ausschütten, aber es war wirklich etwas schräg. Dann kam seine Frau am Parkplatz mit dazu.

Wir fuhren weiter und hielten wenig später an einem kleinen Sushi-Imbiß, wo er mir Inori-Sushi und Kotsurogu (oder wie hieß frittiertes Huhn nochmal?) aushändigen ließ. Anscheinend kannte er die Verkäuferin gut, da er nichts bezahlte und sie die Gabe an mich auch bereitwillig herausrückte. Oder ist er ein Yakuza (japanische Mafia)? Der Art seines Auftretens nach zu urteilen, definitiv. Aber er war wirklich ein lustiger Kerl. So wie Kikujiro (Kitano Takeshi) in "Kikujiro no natsu" (Der Sommer von Kikujiro).

Als nächstes fuhren wir zum Park "Sakura no Sato" (Heimat der Kischblüte), wo er mir erklärte, daß er eben diesen Park auch mit entworfen hat, also die Kirschbaumsorten auswählen, die Wege und Arrangements der Bäume ausdenken. Hintergrundkulisse vom Park war ein kleiner erloschener Vulkan (seine Aussage), mit den Kirschbäumen in voller Blüte ein wirklich herrlicher Anblick.

Und dann schlug er noch vor, daß wir in seinem Golfklub vorbeischauen und evtl. dort noch ins Sento (heißes Bad) gehen. Irgendwie hatte er zuviel freie Zeit, was er mir auf Anfrage auch bestätigte. Um es kurz zu machen: Er holte dann noch Bier und eine Flasche Wein in seinem Golfklub (er ist Mitglied, nicht der Besitzer - benahm sich aber ständig so) und schlug vor, daß ich im Hotel in der Nähe vom Golfklub übernachte, da die Jugendherberge, in die ich wollte, der Meinung seines Freundes nach nicht so gut war. Ich ließ mich breitschlagen und im Hotel (in etwa wie die JH von der Qualität her) haben wir in meinem Zimmer zusammen mit seiner Frau dann noch das Bier getrunken. Den Wein hat er mir überlassen. Was man an 1 Tag so alles erlebt...

Abends bin ich dann noch im Hotel ins heiße Bad und in die Sauna. Dort habe ich mich noch mit einem Bauarbeiter unterhalten, der dort auf dem Land im Straßenbau arbeitet, wo aber gerade Flaute an Aufträgen herrschte und er wohl nichts zu tun hatte. Es war ihm auch eher peinlich, darüber zu sprechen, also habe ich auch nicht weiter nachgehakt. Seine Situation erinnerte mich auch an meine leidvolle Zeit der Arbeitssuche in Deutschland. In der Nacht mußte ich noch 5 Mücken erledigen. Habe alle erwischt. Dann habe ich noch an dem Reisebericht weitergeschrieben und es wurde 2:30 nach Mitternacht bis ich mich schlafen legte.


11. Tag: Das schwarze Schiff und ein Onsen aus Holz

Fr, 14.4., Inatori -> Shimoda -> Rendaiji -> Dogashima -> Shuzenji
Um 8:30 sollte mich dann eine Angestellte vom Golfklub abholen. Das hatte Suzukisan am Tag zuvor noch arrangiert (wenn Japaner Gastfreundschaft zeigen, dann immer bis zum Anschlag...). Ich war zwar schon um 7 wach (aber noch müde von der kurzen Nacht), schlief aber nochmal ein und wachte gegen 8 wieder auf (ohne Wecker und Weckruf, hey!).

Ich packte schnell alles zusammen - für ein Bad im Hotel-Sento war leider keine Zeit mehr - und wie erwartet klingelte überpünktlich um 8:13 das Telefon, die Mitfahrgelegenheit nach Shimoda war da. Gut, daß ich rechtzeitig alles gepackt hatte. Im Auto habe ich mich nochmal für die Umstände entschuldigt, aber für sie war das in Ordnung, da sie eh vorhatten, nach Shimoda zu fahren. Außerdem war Suzukisan wohl schon bekannt für solche Aktionen (anderen Leuten Verantwortung aufzubrummen).

In Shimoda bin ich am Bahnhof ausgestiegen und habe ein paar Photos vor dem Modell vom schwarzen Schiff gemacht, das am Bahnhof steht. Das schwarze Schiff ist bekannt aus dem Film "Shogun" mit William Adams als "Anjinsan" (der Navigator). Der Film entstand nach der Vorlage von James Clavells gleichnamigen Buch.

Am Bahnhof habe ich dann meinen schweren Rucksack im offenen Gepäckfach zurückgelassen, 500 Yen fand ich unverschämt viel. Meinen PDA, Geld und Kamera habe ich mitgenommen. Wer sollte schon etwas mit den restlichen 15kg Rucksack anfangen?!

Dann bin ich Richtung Hafen gelaufen, dort hatte ich beim Vorbeifahren eine Replik vom schwarzen Schiff in Originalgröße umherfahren sehen. Von dem Schiff habe ich allerdings nur Photos gemacht, die Preise für eine kurze Rundfahrt sind sowieso nur Touristennepp.

Danach habe ich einen kurzen Abstecher zum Schloßmuseum am Berg gemacht, das mir von der Stadt aus als sehenswert auffiel. Die Frau dort klagte mir dann ihr Leid, daß so wenige Touristen vorbeikommen... Die meisten fahren nur mit der Gondelbahn auf die Bergspitze für den Rundumblick auf die Stadt und das Meer.

In der Stadt selbst habe ich mir dann noch ein paar Tempel angesehen, und es dann meinen Füße in dem Ashi-Onsen (warmes Fußbad) vor dem Bahnhof gutgehen lassen. Die Fußbäder im Freien habe ich bisher noch nicht (woanders) gesehen.

Auf Empfehlung des "Lonely Planet" bin ich anschließend mit dem Zug eine Station weiter nach Rendaiji in das Onsen (heißes Bad) im Kanaya-Ryokan (private Nobelunterkünfte) aufgemacht. Von dem Onsen war ich wirklich beeindruckt - das Bad war vollständig aus Holz gebaut, ich habe mich um 100 Jahre zurückversetzt gefühlt. So muß ein Bad früher im alten Japan ausgesehen haben!

Ich habe mich gefragt, wie die das ganze Wasserbecken aus Holz abgedichtet haben. Sicher quillt das durch das Wasser auch auf, aber jede Lücke hat das sicher nicht abgedeckt. Leider konnte ich von dem großen Innenbecken nur ein Photo machen, die anderen sind wegen dem vielen Dampf nichts geworden.

Die Übernachtung (Ippaku) im Ryokan hätte mit Abendessen und Frühstück (Ni-Shoku) hätte 15.000 Yen gekostet, ohne Essen 7000 Yen! Ohne Essen der halbe Preis! Hätte ich das eher gewußt...

Von Rendaiji aus wollte ich zur Südspitze der Halbinsel und dann an der Westküste entlang bis nach Shuzenji trampen. Ich mußte nicht lange warten, da hielt ein älterer Herr und als ich ihm von meinem geplanten Reiseroute erzählte, riet er davon ab, das daüre zu lange, und ich solle doch mit ihm direkt zur Westküste fahren. Ich fragte ihn, ob das nicht ein Umweg für ihn ist, aber er bestand darauf, mich mitzunehmen und so stieg ich ein.

Letztendlich fuhr er 35km in die entgegengesetzte Richtung, in die er ursprünglich unterwegs war, da er wieder zurückfahren mußte also insgesamt 70km. Er habe gerade nichts zu tun und viel Zeit, meinte er unterwegs. Er arbeitet bei einem Reifenservice, die Arbeit ist nicht so interessant und der Gehalt auch nicht besonders, sagte er mir. Aber er sei schon zu alt, um sich nach etwas Neuem umzuschaun. Und er hat 3 Söhne, die alle bei Tokyo und Chiba leben. Yappari (wie erwartet), die Jugend zieht es alle in die Großstädte. Nur die Älteren bleiben auf dem Land. Er hat mich dann direkt nach Dogashima gefahren, wo es wieder wunderschöne Felsklippen im Meer zu sehen gab. Dann zeigte er mir dann noch ein kostenloses Onsen (heißes Bad im Freien), das direkt in den Fels gebaut ist - mit phantastischen Ausblick aufs Meer.

Das Onsen gehörte zu 2 Hotels nebenan, aber wenn man Bescheid weiss, kommt man auch kostenlos rein. Selbst mit meinem großen Rucksack bin ich nicht aufgefallen. So habe ich ein paar heiße Bäder mit Blick auf - und direkt am Meer genießen können. Und eisgekühlten Tee gab es auch gratis.

Als ich mit dem Baden fertig war wurde es schon langsam dunkel. Ich versuchte es zwar noch eine 1/2h mit Trampen, aber keine Chance. Ich wollte aber unbedingt noch nach Shuzenji im Norden von Izu Hanto weiter, denn es war gerade mal 6 Uhr und jetzt schon ins Zelt steigen wollte ich nicht. Ich stand sowieso schon einer Bushaltestelle (günstige Stelle, um Tramper aufzulesen) und es kam mir bei meiner Entscheidung auch gleich ein Bus zu Hilfe, der bis Shizenji weiterfuhr. Kostete aber knapp 2000 Yen.

In Shuzenji angekommen rief ich in der Jugendherberge an und der Herr dort teilte mir mit, das die Jugendherberge eigentlich geschlossen ist, weil keine Saison (macht hauptsächlich nur in den Schulferien auf). Nachdem ich ein wenig herumdiskutiert habe gabe er zu, daß vor mir schon eine Japanerin eingecheckt hatte, und daß ich doch übernachten konnte. Da es aber schon halb 9 abends war fuhr kein Bus mehr zur Jugendherberge, was etwa 20 min gedauert hätte. Nach einer Weile Herumdrucksen bot er an, mich mit dem kleinen Van der Jugendherberge abzuholen.

Kurz vor 9 sind wir dann angekommen. Dann fragte er nach dem Jugendherbergsausweis, der bei mir schon 1 Jahr vorher abgelaufen war. Ich habs versucht, und sagte ich wäre Mitglied, habe den Ausweis aber zu Hause in Deutschland vergessen. Für Mitglieder kostete es nämlich 2800 Yen, für Nichtmitglieder aber 3600. Er berechnete wie erwartet 3600 Yen. Arrrgh. Für die 2000 Yen Busfahrt + 3600 Yen Übernachtung hätte ich mir sparen können, wenn ich in Dogashima im Zelt übernachtet hätte und am nächsten Tag weitergetrampt wäre. Was solls, weg ist weg.

Allerdings hatte ich dafür den Luxus, ein 4-Bettzimmer mit Tatami ganz für mich allein zu haben. Keine Schnarcher, kein Türenklappern, keine Frühaufsteher. Totale Stille. Ergo sehr gut und bequem geschlafen. Leider war auch kein heißes Bad möglich, aber am nächsten Tag bin ich ja schon wieder ins Onsen gegangen.


12. Tag: Spendable Radfahrer und Glücksmomente eines Trampers

Sa, 15.4., Shuzenji -> Nagoya
Von der Jugendherberge bin ich bergab bis zur Hauptstraße gelaufen und die weiter Richtung Shuzenji-Onsen-Zentrum.

Unterwegs hab ich den Daumen mal rausgehalten und schon hielt eine Frau, die mich den 1 km bis zu meinem Ziel mitnahm. Im Gegensatz zur Großtadt (siehe Hitchhiking-Experience in Nagoya weiter unten) hab ich auf dem Land bis jetzt durchweg gute Erfahrungen gemacht mit dem Trampen. Man hat sehr schnell einen Lift.

Eigentlich wollte ich in Shuzenji nur ins Onzen, das der "Lonely Planet" so sehr empfiehlt. Dann habe ich aber gemerkt, das der Shizenji-Onsen viel mehr zu bieten hat. An einem Tag mit Sonnenschein ein absolut lohnenswertes Ausflugsziel.

Der am meisten besuchte Platz ist natürlich der Shuzenji (Tempel). Ich fand den Take-Bayashi (Flecken Bambusbäume) vor dem Tempel sehr schön arrangiert. Auf dem Weg dorthin bin ich an einem Tampopo (dt. Pusteblume, Löwenzahn) vorbeigekommen. Sah aber nicht aus wie ein Nudelrestaurant in dem gleichnamigen Film.

Über den kleinen Fluß, der Shuzenji in 2 Hälften teilt, sind (mindestens) 3 knallrot angemalte Brücken gebaut, die weiter hinten im Ort einen herrlichen Kontrast zu dem Grün der Bäume und dem Fluß bilden.

Das vom "Lonely Planet" so gerühmte Tokko-no-yu-Onsen (mit einem seltenen gemischten Bad für Männer und Frauen) gibt es leider nur noch als Ashi-Onsen (heißes Fußbad, Ashi = Fuß).

Bevor ich da hineinstieg, bin ich noch mit einem Japaner ins Gespräch gekommen, der mit seinem High-Tech-Carbon-Rennrad unterwegs war und gerade hielt, um ein Paar Photos zu schießen. Das Rennrad wog so um die 8kg - möchte nicht wissen, wieviel das gekostet hat. Wahrscheinlich 4000 Euro oder mehr. Wir erzählten eine ganze Weile über meine Reise, ich gab ihm eine Visitenkarte von mir (bin alle 10 losgeworden) und er drückte mir zum Abschied einen 1000-Yen-Schein in die Hand mit den Worten, daß er kein Geschenk für mich habe und mir dafür eben etwas Geld gibt. Etwas erstaunt über die großzügige Geste versuchte ich ihn zu überzeugen, daß er mir doch gar kein Geschenk machen braucht, aber er bestand darauf, daß ich annehme. Auch mein Argument, daß ich nicht arm bin, zog nicht. Also nahm ich an.

Dann habe ich meine Füße im Ashi-Onsen ein wenig ausgeruht und erfrischt. Nach einem langen Fußmarsch eine Wohltat die Füße in heißes Wasser zu tauchen...

Bei dem folgenden Rundgang habe ich noch einen Take-Bayashi (kleiner Bambus-Hain) am Fluß - versteckt hinter Häusern) entdeckt, ein paar Photos von den roten Brücken gemacht. Mit den 1000 Yen vom Radfahrer habe ich in einem Soba/Udon-Laden leckere Soba (Soba-Nudeln in Miso-Suppe) zu Mittag gegessen.

In der Mitte von dem Ort gab es noch ein Sento, das ich besucht habe. Gleich daneben steht ein - ich glaube Museum - das aussieht wie ein Wachturm von einer Festung. Das Sento war modern gebaut, innen alles aus Holz und Stein - aber nicht so traditionell wie das Onsen in Rendaiji. Drinnen gab es nur ein O-Furo (Becken, Wanne, heißes Bad). Schlicht aber schön. Das Deckengebälk aus fächerförmig an 2 Raumenden angebrachten Holzbalken und das Glasdach darüber habe ich auch eine Weile fasziniert betrachtet. Leider hatte das Sento kein Rotenburo (Außenbecken), da das gegen neugierige Blicke von den umliegenden Häusern nur schlecht abgeschottet werden kann. Ein paar Japaner waren schließlich noch so freundlich, ein paar Photos von mir im heißen Bad zu machen.

Auf der Karte vom Onsen-Guide hatte ich gesehen, daß auf dem Weg zwischen Shuzenji-Onsen-Zentrum und Shuzenji-Stadt, die vielleicht 2 km auseinanderliegen, eine Schnellstraße liegt, die ideal Richtung Numazu in die Nähe zum Fuji-san führte. Ich überlegte noch, ob ich 2-3 Tage die nähere Umgebung vom Fuji-san erkunden soll, oder gleich nach Nagoya weiter, wo ich einen Japaner besuchen wollte, den ich beim dt.-jap. Stammtisch in München kennengelernt habe.

Nach etwa 20 min Fußmarsch bin ich an der Schnellstraße agekommen und nach vielleicht 10 min hielt schon jemand und ich konnte in eine noble Karosse einsteigen. Bei unserem Gespräch stellte sich heraus, daß er IT-Manager war und so plauderte ich bei der Gelegenheit ein wenig über meine Firma, die u.a. Consolen-, KVM- und Powerswitche verkauft, was für ihn ja eventuell von Interesse war. Unterwegs hatten wir phantastische Sicht auf den schneebedeckten Mount Fuji, und er setzte mich dann auf dem Interchange (Autobahnauffahrt) von Numazu ab, so daß ich freie Wahl hatte zwischen Fuji-san und Nagoya.

Inzwischen hatte ich mich für Nagoya entschieden - den Fuji-san will ich mir ein andernmal mit mehr Zeit vornehmen und evtl. auch raufsteigen. Alle, die ich bis jetzt gefragt habe, haben übrigens abgeraten, den Fuji-san zu besteigen, da es elend anstrengend ist, und man nur über Geröll aufsteigt.

Also weitertrampen nach Nagoya. Hinter dem Interchange ging es sowohl nach Nagoya als auch Richtung Tokyo. 3x hielten Autos, die mich mitnehmen wollten, allerdings fuhren alle nach Tokyo. Dann kam ein Wagen mit 3 Japanern (mit nem Kontrabaß hätt ich fast geschrieben) auf mich zu, und ein Japaner erklärte mir, daß ich hier nicht bleiben dürfe und den Interchange verlassen soll. Das war aber für mich die ideale Stelle und so argumentierte ich freundlich mit denen. Ich mußte dann aber doch abziehen und bin an die Auffahrtstraße davor. Das war blöd, kaum jemand kam, geschweige denn hielt (1 nach Tokyo), da stand ich 1/2h.

Also bin ich schon ziemlich frustriert weiter zurück an das Ende der Schnellstraße, auf der ich vom vorigen Lift kam. Noch 1/2h verging, Berufsverkehr, keiner hielt an, ich hielt mein Lächeln hoch. Schon in Gedanken in dem Cafe sitzend, das vor mir stand, hielt plötzlich ein Laster aus voller Fahrt hinter mir. Ich rieb mir die Augen - mein Lift Richtung Nagoya! Yeah - und das, bevor es dunkel wurde! Das sind die Glücksmomente in meinem kurzen Trampertagen in Japan!

In der Fahrerkabine sah es aus wie bei "Hempels unterm Sofa", aber der Kerl war total gut drauf, das paßte. Er rauchte zwar und ich mußte meine Füße in eine unbequeme Haltung quetschen, war mir aber in dem Moment egal.

Ziemlich schnell fanden wir zum gleichen Thema und lästerten fast die ganze Fahrt über die USA, Bush und deren Kriege. Und waren uns einig über die guten Beziehungen zwischen Deutschland und Japan. Und er brachte mir noch ein wenig japanisches "Liedgut" bei für Karaoke, wie er meinte. Von Freunden habe ich dann später noch erfahren, daß es ein ziemlich versautes Lied war (Kinta no uta)...

Vor Nagoya machte er sich bereits mehr Gedanken als ich und fragte, ob ich denn nicht mal meinen Freund anrufen will, den ich besuchen möchte. Also hielten wir an einer Raststätte im Osten von Nagoya und ich rief den Japaner zwecks Überraschungsbesuch an. Der war hocherfreut, daß ich tatsächlich nach Japan gekommen bin und ihn besuche. Er bot mir gleich an, daß wir zusammen trinken gehen, wenn ich in der Stadt bin, und daß ich bei ihm übernachten könne. Wow, japanische Gastfreundschaft!

Ich verabschiedete mich noch von dem Brummifahrer, der mit fragenden Gesichtsausdruck, wie ich denn von der Raststätte in die Stadt komme, weiterfuhr.

Da es bereits dunkel war und "an die Ausfahrt stellen mit Daumen raus" wenig Erfolgschancen hatte, zumal ich in die Stadt wollte, suchte ich einen Wagen mit Nagoya-Kennzeichen und fragte einfach. Frechheit siegt, dachte ich mir. Außerdem hatte ich gehört, daß Japaner einen Tramper eher mitnehmen, wenn man sie direkt fragt (Weil sie sich dann direkt einen Eindruck machen können), als wenn man an der Straße steht und trampt. Daß diese Theorie stimmen muß, zeigte sich bei den ersten 3 jungen Japanern, die ich ansprach. Sie schauten ein wenig verdutzt, erklärten sich aber sofort bereit, mich mit nach Nagoya zu nehmen, wenn mir die mit Malerfarbe etwas colorierten Sitze nichts ausmachen. Ich willigte ein und sie fuhren mich bis zu einer U-Bahn-Haltestelle, von wo aus es nur noch 15 min bis zum Hauptbahnhof waren. Unterwegs wurde ich noch allerlei über Deutschland, Freundin, und Privates ausgefragt. Die 3 hatten alle noch keine Freundin und ich sollte ihnen nun deshalb etwas Rat erteilen. Sehr viel konnte ich ihnen da aber auch nicht weiterhelfen...

Vom Bahnhof Nagoya hat mich dann mein Freund abgeholt. Wie er mich in dem Getümmel gefunden hat, ist mir schleierhaft. Jedenfalls ist er plötzlich vor mir aufgetaucht und hat mich begrüßt. Wir sind dann in ein Nobel-Izakaya (vergleichbar mit Gaststätte) und ich mußte natürlich erstmal von meiner Reise erzählen. Mein großer Rucksack lehnte direkt neben mir - sah schon etwas komisch aus bei all den anderen Gästen, die vorwiegend im Anzug erschienen. Später am Abend sind wir dann mit dem Taxi zu ihm nach Hause gefahren.


13. Tag: Leningrad-Cowboys und Techno am Highway

So, 16.4., Nagoya
Am nächsten Morgen wollte Hironari mit mir einen Stadtrundgang durch Nagoya machen und mir bei der Gelegenheit auch das Nagoya-Schloß (oder "
Nagoya-Burg") zeigen. Auf dem überdachten Parkplatz neben seinem Haus stand ein Auto von ihm, das nicht mehr fuhr. Daneben das, mit dem wir fahren wollten. Während wir einige Meter unterwegs waren, gab der Motor komische Geräusche von sich. Da wir uns nicht sicher waren, ob der 2. Wagen nicht auch noch seinen Geist aufgeben würde und wir nicht irgendwo mitten auf der Straße stehenbleiben wollten, stiegen wir sicherheitshalber alle 3 wieder aus und machten uns zu Fuß auf den Weg zur nächsten Bahnstation. Er meinte, daß er den Wagen schon lange nicht mehr gefahren hat und er sonst zur Arbeit oder in der Stadt immer mit der Bahn unterwegs ist...

Wir hatten an dem Tag phantastisches Wetter - blauer Himmel mit ein paar Wolken - und es war angenehm warm. In den Parks wuchs alles in saftigen Grün. Und die Kirschbäume blühten noch wie verrückt - obwohl die Kirschblüte, als ich vor ein paar Tagen in Tokyo ankam, bereits vorbei war. Eigentlich setzt sich diese "Blütenfront" ja von Süden - angefangen bei Okinawa - nach Norden bis nach Hokkaido fort, und nicht umgekehrt von Tokyo Richtung Süden nach Nagoya.

Allein den Burggraben; von außen halb zu umrunden, dauert schon elend lange. Im Schloßpark angekommen, machten wir erstmal Pause. Dort gab es einen kleinen Imbiß, wo auch Niku-man verkauft wurden. Das sind kleine Teigtaschen mit Fleischfüllung (Niku = Fleisch, siehe Wikipedia und hier oder hier), die superlecker schmecken. Die Niku-man waren frisch zubreitet so heiß, daß ich damit zwischen beiden Händen herumjongliert habe.

Dann haben wir uns die Burg von Innen angeschaut und sind bis zum obersten Stockwerk hoch und durch die zahlreichen verwinkelten Gänge gelaufen. Die Burg ist während des Krieges fast vollständig abgebrannt und danach wieder neuaufgebaut worden. Bekannt sind auch die Kinshachi - stilisierte goldene Fische an den Dachgiebeln, die zum Zwecke der Vermehrung des schnöden Mammons natürlich auch als Nachbildungen an Touristen verkauft werden.

Nach der Burgbesichtigung ging es weiter, ins Stadtzentrum. Die bekannteste Shopping-Meile dort ist der Stadtteil Sakae. Es gibt auch eine einen Straßenzug mit Computerläden, sozusagen eine Mini-Version von Akihabara in Toyko. War aber eher enttäuschend klein, da ist selbst Denden-Machi in Osaka noch größer.

Dann kamen wir zu einen zentralen Platz in Sakae mit einer riesigen Glasdach-Konstruktion. Archtiketur in Japan ist manchmal schon hammermäßig. Auf dem Glasdach war ein Wasser-Bassain, um den man herumspazieren konnte. Dabei konnte man durch den Glasboden nach unten schauen. Unter dem Glasdach, sozusagen im Untergeschoß war noch eine Shopping-Mall und auf dem Platz fand gerade ein Race mit einer großen Carrera-Bahn statt.

In Tokyo sieht man ja fast an jedem größeren Bahnhof vor allem abends irgendwelche Bands spielen. In Nagoya gibt es sowas natürlich auch, und auch ziemlich schräge Typen. Als wir weiter durch Sakae liefen, tanzten an einer Straße zur Musik aus ihrem Verstärker ein paar Japaner im Leningrad-Cowboy-Look mit brettharten Frisuren, die wie ein Fön nach vorne standen (ungefähr so). Auch wie sie tanzten, war sehr amüsant.

Unterwegs begegneten wir auch auch noch Mädels im Cosplay-Look, einen Japaner, der aus dem Matrix-Film scheinbar noch nicht zurückgefunden hatte und dann fand da noch eine Freiluft-Techno-Disko statt, mitten in der Stadt unter einer Highway-Brücke zwischen 2 Schnellstraßen.

Dann wollte Hironari mit mir unbedingt noch in ein dort sehr beliebtes Katsudon-Restaurant, und wir liefen ewig in den Straßen rum. Mir wurde langsam recht kühl, da ich nur ein T-Shirt anhatte und ich versuchte ihn zu überzeugen, daß wir doch in irgendeinen anderen Laden zum Essen gehen könnten, aber er bestand darauf, dieses Restaurant zu finden. Nachdem wir einige Leute gefragt hatten, sind wir schließlich doch noch angekommen.

Der Laden sah schon von außen recht lustig aus mit einem Schwein mit umgebundener Schürze als Maskottchen, mit dem das ganze Gebäude geschmückt war. Drinnen reihten wir uns in eine lange Schlange ein, die vom Eingang über die Treppe bis in den ersten Stock führte. Also schien das schonmal ein sehr beliebtes Lokal zu sein. Das Essen mußte also auch sehr gut sein.

Hironari bestellte dann Katsudon für alle und was soll ich noch sagen - es schmeckte einfach phantastisch. Er hatte nicht zuviel versprochen.

Die Photos habe ich erst am nächsten Tag gemacht, da es bereits dunkel wurde, als wir bei dem Lokal ankamen. Den nächsten Tag war ich alleine unterwegs und es war vormittags geschlossen, so daß mir leider ein leckeres Mittagessen dort entgangen ist. Aber wenigstens konnte ich den Ort nochmal auf Photo festhalten.

Nach dem mehr als reichhaltigen Abendessen sind wir mit dem Taxi wieder zu seiner Wohnung zurückgefahren. Daheim mußte ich Hironari noch das Hofbräuhaus-Lied (glücklicherweise nur die erste Strophe) ins Japanische übersetzen (dt. Text hier). Er hatte doch tatsächlich eine CD davon gekauft, als er noch in München gewohnt hatte. Nach einiger Überwindung hab ich ihm dann den Gefallen getan.


14. Tag: Tramper-Pech und ehemalige Heimat Himeji

Mo, 17.4., Nagoya -> Osaka -> Himej
An diesen Morgen verabschiedete ich mich von Hironari. Seine Frau hat mich noch bis zum Hauptbahnhof in Nagoya begleitet und ich habe ihr im Photoladen noch ein paar Bilder von meiner Digitalkamera zur Erinnerung an meinen Besuch ausdrucken lassen. Später haben sie dann noch ein Paket mit Süßigkeiten aus Deutschland als Dankeschön von mir bekommen.

Vom Bahnhof bin ich nochmal nach Sakae gefahren, weil ich in den Computerläden vorbeischauen wollte. In der Stadt habe ich wieder mal ergebnislos nach einem kostenlosen WLAN-Hotspot gesucht. Nachdem ich endlich ein WLAN-Cafe gefunden hatte, funktionierte es leider nicht mit der Einwahl. Dann habe ich es noch bei ein paar Fastfood-Ketten versucht - Starbucks, McDonalds, etc., die aber alle keinen Hotspot hatten. Irgendwann hab ich dann schließlich aufgegeben.

Von Nagoya aus wollte ich weitertrampen Richtung Osaka/Kobe. Deshalb habe ich meinen "Lonely Planet" rausgekramt und nach einem Tip gesucht. Empfohlen wurde als einziger aussichtsreicher Spot zum Trampen der Interchange in der Nähe von der Hongo Bahnstation. Also machte ich mich mit dem Zug auf den Weg dorthin. Es war mittlerweile schon Nachmittag geworden.

Von der Hongo Station war es ein Fußmarsch von ca. 30min zum Interchange. Da ich keine detaillierte Karte dabei hatte, kam ich erst nach ein paar Umwegen mit Durchfragen dorthin.

An der Auffahrtsstraße zur Autobahn gab es eine Tankstelle, die wohl schon von vielen (nachher enttäuschten) Trampern besucht wurde, denn die Leute dort begrüßten mich schon auf Englisch mit der Frage "you are Hitch-hiking?". Weil die Schnellstraße auf die Autobahnen sowohl in Richtung Tokyo als auch Osaka führte, brauchte ich noch ein Pappschild, um mein Reiseziel in deutlich großen Schriftzeichen darauf festzuhalten. Einen dicken schwarzen Folienmarker hatte ich schon vorbereitend aus Deutschland mitgebracht. Konnte ja eigentlich nichts mehr schiefgehen, dachte ich mir. Die Tankstellen-Mitarbeiter winkten mir sogar nach und wünschen noch "Good luck!".

Gut gelaunt - jetzt noch mit einem Lächeln - zog ich also zur Straße an einer ausgebuchteted Stelle, wo die Autos halten konnten und hielt Daumen und Pappschild hoch. Allerdings fuhren die Autos schon mit ordentlicher Geschwindigkeit Richtung Highway auf und würdigten mich kaum eines Blickes. Da stand ich nun voller Hoffnung auf einen guten Lift. Aber keiner hielt. Nicht ein einziger.

Die erste Stunde ging rum. Ich verlagerte meinen Stellplatz einige Dutzend Meter zurück, weiter weg vom Interchange. Von dort aus konnten mich auch die Leute von der Tankstelle sehen und ich merkte schon ein leichtes Grinsen auf Ihren Gesichertern. Also noch ein Stück weiter, wo sie mich nicht mehr sehen konnten. Die zweite Stunde ging rum. Es wurde immer schwieriger, mein freundliches Gesicht aufrecht zu erhalten. Und vor allem: es wurde langsam spät, es ging auf 19 Uhr zu. Und damit habe ich dann ein Problem, denn im Dunkeln nimmt mich keiner mehr mit. Schließlich griff ich zum letzten Mittel. Ich ging wieder zur Tankstelle und sprach erstmal mit den Mitarbeitern dort, ob es OK ist, wenn ich direkt Leute dort anspreche, die gerade tanken. Sie willigten ein und ich wartete auf ein Auto mit Kennzeichen Kyoto/Osaka/Kobe, etc.. Aber es kam einfach keines vorbei, nur mit Nagoya-Kennzeichen. Arrgh. Nach einer viertel Stunde habe ich dann aufgegeben und bin eine große Runde um die Schnellstraße gelaufen, um nach einen besseren Platz Ausschau zu halten. Aber die Auffahrten waren so irre weitläufig, daß es einfach keinen Sinn machte, da Stunden zu marschieren. Außerdem waren die Straßenlaternen mittlerweile anschaltet und damit für mich das Zeichen, die ganze Sache abzublasen. Also mußte ein anderer Plan her.

Ich blätterte weiter in meinem "Lonely Planet", bis mir die rettende Idee kam, als ich das Kapitel Highway-Busse aufschlug. Vom Hauptbahnhof in Nagoya fuhren nämlich Überlandbusse in andere Großstädte, u.a. auch Osaka, die wesentlich preiswerter sind, als der Shinkansen und schneller als Regionalzüge. Also bin ich zur Hongo-Bahnstation zurückgelaufen und mit dem Zug zurück ins Stadtzentrum gefahren. Die Busstation für die Kousoku-Busse (Kousoku-Doro = Autobahn) war schnell gefunden und ich hatte Glück - in einer halben Stunde fuhr der nächste Bus für 2900 Yen nach Osaka. Also schnell ein Ticket geholt und noch ein O-Bento (Lunch-Päckchen) und zu Trinken gekauft. Ein paar Minuten später saß ich dann genüsslich speisend im Bus auf dem Weg nach Osaka.

Noch in Nagoya hatte ich bei den Eltern meiner Freundin in Himeji angerufen und gefragt, ob ich diesen Abend übernachten kann. Sie wußten ja bereits, daß ich in den nächsten Tagen vorbeikommen wollte. Für sie sei das kein Problem, da sie meist bis Mitternacht aufbleiben, bekam ich zur Antwort. Damit war die Übernachtung schon mal geklärt.

In Osaka angekommen - es war schon recht spät, nach 22 Uhr - bin ich in den Shin-Kaisoku (vergleichbar mit Regionalexpress) nach Himeji umgestiegen. Der braucht im Vergleich zu den Kaku-eki-teisha (vergleichbar mit Regionalbahn), die an jeder Station halten, nur 1 Stunde und kostet genauso 1450 Yen. Gegen 23:30 war ich endlich in Himeji.

Dann habe ich wieder bei Fam. Tanaka angerufen. Sie wollten mich vom Bahnhof abholen. Um Mitternacht war immer noch niemand da und so bin ich ins Taxi gestiegen und zur Wohnung gefahren. Die Frau war noch zu Hause und dann kam heraus, warum es nicht mit dem Abholen geklappt hatte. Ihr Mann hat mich am Nord-Ausgang vom Bahnhof gesucht, ist aber nicht auf die Idee gekommen, mal auf die andere Seite zu schauen. Offensichtlich hatten wir unterschiedliche Auffassungen vom Hauptausgang. Klar, ich war natürlich immer am Südausgang ausgestiegen, als ich noch in Himeji wohnte, da auf dieser Seite der Stadt meine Wohnung lag. Dann ist Fr. Tanaka noch mal in die Stadt gefahren, um ihren Mann am Bhf. zu suchen, denn sie hatten kein Handy. Eine Weile später kamen beide zurück und gegen 1 Uhr (!) kehrte dann endlich Ruhe ein. Damit habe ich wohl ganz schön die Geduld meiner Gastfamilie strapaziert, aber beiden schien es nichts auszumachen, sie waren ja schon Renter und hatten genug Zeit. Ich habe es gerade noch geschafft, meine Sachen auszupacken, dann bin ich auch schon total müde ins Bett gefallen.


16. Tag: Hanami mit Freunden und Dschingis-Khan im Karaoke

Mi, 19.4., Himeji
An diesen Tag hat Yukako (ehemalige Kollegin in Himeji) vorgeschlagen, in das neueröffnete Akane-Sento (Akane-no-Yu, Photos
hier), da sie wußte, daß ich so ein großer Onsen- und Sento-Fan bin. Das Sento ist mit einem Eintrittspreis von 600 Yen an Mo-Fr bzw. 700 Yen am Sa/So sehr günstig.

Der Besuch hat sich wirklich gelohnt. Die Innenausstattung war neu und sehr schön, genauso wie die zahlreichen heißen Bäder. Im Außenbereich gab es neben den üblichen Rotemburo (heiße Bäder im Freien meist in Form von Steinbecken) auch große Holzbottiche, in die man sich wahlweise reinsetzen oder reinlegen konnte. Da meine Beine nicht ganz hineinpassten, habe ich sie über dem Rand baumeln lassen. Das wurde aber mit der Zeit unbequem.

In der Sauna war ich auch, aber dort lief wie üblich in japanischen Saunen ein Fernseher, und zwar ziemlich laut. Ich finde, dabei kann man sich nicht richtig entspannen. Außerdem ist auch die Luft sehr heiß und trocken und brennt in der Nase. Im Gegensatz zu Deutschland habe ich es in einer japanischen Sauna noch nie erlebt, daß ein Aufguß gemacht wurde. Wiederum gut finde ich hingegen, daß oft in der ganzen Sauna Handtücher ausgelegt sind, da Japaner für den Saunabesuch nicht extra eigene Handtücher mitbringen. So sitzt und läuft man dann auf sehr weichen Boden bzw. Bänken.

Dann hatte das Sento noch ein ganz besonderes Highlight, ein Ganban - was wortwörtlich übersetzt soviel heißt wie: Felsgestein, felsiger Untergrund. Für den Besuch dort bekommt man extra einen Yukata (so eine Art Bademantel aus dünnen Stoff, siehe Wikipedia, oder hier). In dem Ganban legt man sich auf eine matrazengroße Fläche, die mit Kieselsteinen aufgefüllt ist, über die man ein großes Handtuch ausbreitet. Der ganze Untergrund ist beheizt und die Wärme wird von den Steinen wieder abgegeben, wenn man sich darauf bettet. Dadurch schwitzt man mit der Zeit eben nicht durch die Umgebungsluft wie etwa in der Sauna, sondern durch die Wärme aus dem steinigen Untergrund. Dazu lief im Hintergrund noch die ganze Zeit Meditationsmusik. Für einen bis zum Karoshi arbeitenden Japaner wohl die ideale Erholung. Ich bevorzuge dann aber doch eher die Sauna zum Schwitzen. Nebenan war auch ein Kühlraum, wo sich schon Eis an den Kühlstäben bildete und grob gemahlenes Eis zum Einreiben aus einem Spender an der Wand rieselte. In dem Raum hält man es wegen der tiefen Temperatur allerdings auch nur kurz aus, wenn man sich nicht unterkühlen will.

Im Aufenthaltsraum vor dem Ganban in der Nähe der Eingangshalle gab es auch eine Sitzbank, die in Kreisform geschlossen ist und mit kleinen, runden Kieselsteinen gefüllt war, wo man seine Füße reinstecken und durch Bewegung mit den Steinen durchkneten oder massieren konnte. So eine Art Kneipp-Bank. Im Park hinter dem Schloß in Himeji gibt es übrigens auch einen kleinen Fußmassage-Parcour - einen schmalen Streifen mit unterschiedlich großen runden Steinen, auf dem man je nach (Schmerz-) Empfindlichkeit mehr oder weniger vorsichtig von einem zum anderen Ende barfuß entlangbalanciert und damit die Fußsohle massiert. Das soll auf verschiedene Organe und Nerven durchblutungsfördernd und stimulierend wirken.

Am Abend hat Yukako noch zum Mini-Hanami (Hanami = Kirschblütenfest) im Schloßpark eingeladen. Zwei Ihrer Freunde kamen noch mit und so saßen wir, als es schon langsam dunkel wurde, mit Chuhai (mein Lieblingsdrink) und Yaki-Tori (gebratenes Fleisch vom Huhn am Spieß, siehe Wikipedia) und anderen Essen in kleiner Runde, bis es langsam kühl wurde. Von meinen Gastgebern habe ich noch eine Packung jap. Gebäck als Geschenk bekommen - sehr nett. In Himeji war ich übrigens immer mit dem Mamachari (jap. Einkaufsrad mit Korb am Lenker oder auf dem Gepäckträger) unterwegs.

Danach sind wir gemeinsam zum Karaoke, wobei ich mir in Gedanken an meinen bisher einzigen Karaoke-Versuch in Tokyo schon ausmalen konnte, wie das ausgeht. Ich durfte dann nach den perfekten Sangkünsten der Anderen (Japaner haben ja quasi ihr ganzes Leben Gelegenheit zum Üben) zur Belustigung "Dschingis Khan" und "Moskau, Moskau" zum Besten geben, was mir noch halbwegs gelang. Dann bei Frank Sinatra's "New York, New York" mußte ich aber endgültig aufgeben mit meinen erbärmlichen Gesangsdefiziten. Ich sollte mal einen Kurs besuchen.


17. Tag: Open Source in Kobe und ehemalige Kollegen

Do, 20.4., Himeji, Kobe
Nach 2 Tagen nur in Himeji wollte ich auch mal wieder in der näheren Gegend in meiner Lieblingsstadt Kobe vorbeischauen. Dort bin ich früher viel in den Bergen gewandert, als ich noch in Himeji gewohnt habe. Einfach in der Stadt rumschlendern, mehr hatte ich nicht vor. Und so habe ich mich am Vormittag alleine auf den Weg gemacht.

In Kobe habe ich dann einige interessante Gebäude entdeckt. Da war zum Beispiel ein Hotel, das wie mit einem Baum verwachsen aussah. Das hatte ich in ähnlicher Form schon mal in Naha bei meiner Reise auf Okinawa gesehen. Dort war ein ganzes Cafe so gebaut, als sitze es mitten in einer Baumkrone (in meinem Photoalbum, siehe Photos (1), (2), (3)).

Dann war in der Stadt noch ein mediterraner Baustil zu sehen, mitten in den sonst so grauen Betonbauten der Innenstadt eingebettet, was irgendwie fremd aber doch erfrischend anders in der umgebenden Architektur wirkte. So fremd ist diese Architektur in Kobe aber nicht, denn es gibt im Stadtteil Kitano an den Berghängen, nördlich von Sannomiya, eine alte ausländische Siedlung (Kyukyoryuchi) mit vielen vor allem europäischen Häusern, da früher durch den internationalen Hafen Europäer und Amerikaner nach Kobe kamen und sich dort niederliessen. Die abgebildeten Gebäude gehören entweder dazu oder wurden von Japanern gebaut, weils modisch ausschaut.

Erwähnenswert finde ich übrigens auch das das "Open Source Research Center", an dem ich vorbeigekommen bin. Daß in Japan sowas möglich ist und gefördert wird, finde ich als Linux- und Open-Source-Verfechter vorbildlich.

Am späten Nachmittag bin ich wieder nach Himeji zurückgefahren und habe am Abend mit 2 meiner ehemaligen Kollegen - Takami und Maeda - im Isakaya (jap. Kneipe) noch ein paar Bier getrunken und über alte Zeiten und Neuigkeiten geschnakt. Sie haben sich sehr gefreut, daß ich wieder mal vorbeigeschaut habe - sonst kommen sie ja kaum mit Ausländern in Kontakt. Ich war in der Firma (ParisMiki) damals außer einer Chinesin sonst der einzige Ausländer. Takami mußte auch unbedingt wieder sein Englisch ausprobieren, das er sich in seiner Freizeit immer noch selbst beibringt...


18. Tag: Katamomiken - Gutschein für eine Schulter-Massage

Fr, 21.4., Himeji
Heute sollte der letzte Tag in Himeji werden, denn ich wollte den Tag vor dem Abflug am 23.4. wieder in Tokyo verbringen, um dort rechtzeitig zum Flughafen zu kommen.

Ich habe mir nochmal meine ehemalige Wohung (von außen) angeschaut. Hachja, sind da wieder alte Erinnerungen wachgeworden. Wie schön war es doch, als ich mal eben so nach Kobe, Osaka oder Kyoto in 1 Stunde fahren konnte. Na gut, die Wohnung hatte auch einen 1cm breiten Luftspalt unter dem Balkonfenster und im Winter war es dementsprechend arschkalt auch unter Zuhilfenahme des Airkons (Air-Conditioner = Klimaanlage). Ich bin dann immer in die heißen Bäder ins Sento gegangen. Vielleicht kommt daher quasi aus der Not heraus meine große Begeisterung für diese japanische Bäderkultur.

Mit Yukako bin ich mittag zum Sushiro gegangen, das ist mein beliebtester und damals oft besuchtes Kaitensushi-Restaurant (wird in Dt., insbesondere in München - wie ich finde unpassend - als "Running Sushi" bezeichnet). Dort habe ich mich wieder mit allen möglichen Sorten von Sushi nach Herzenslust vollgeschlagen: Maguro, Hamachi, Unagi, Anago, Ika, etc.

Bei der Gelegenheit hat sie mir ein ganz witziges Geschenk gemacht, als Dankeschön, daß ich wieder mal nach Himeji gekommen bin. Und zwar 2 selbstangefertige Gutscheine für jeweils eine Schultermassage (von selbst festlegbarer Dauer ;-), da sie sich noch daran erinnerte, daß ich immer über einen verspannten Rücken von der Arbeit vor dem PC geklagt habe. Die Gutscheine habe ich am Nachmittag, als wir nochmal in den Schloßpark gegangen sind, eingelöst ;-) Das hat vielleicht gutgetan!

Nach dem Mittag sind wir noch zu Ihrem Unterrichtsraum in einer Bibliothek, wo Sie für Ausländer auf freiwilliger Basis gelegentlich Japanisch-Unterricht gibt. Ihre Freundin, die in der Bibliothek arbeitet, hat sich auf dem Photo mit dazugesellt.

Am späten Nachmittag bin ich dann nochmal in mein früher oft besuchtes Stamm-Sento "Mori-no-yu" gegangen, das nur 10min von meiner damaligen Wohnung entfernt war. Der Mann vom Empfang kannte mich sogar noch. In dem Sento gibt es auch eines der seltenen (in Deutschland gänzlich unbekannten) Denki-buro. Das ist ein heißes Bad, durch das Wechselstrom fließt, der angeblich entspannend auf die Muskelatur wirkt. Nicht jedermanns Sache, aber für einige Japaner scheint mir, ist es die reinste Wohltat (siehe auch Japan Visitor zu diesem Thema).

Dann stand ich noch vor der Frage, ob ich am selben Abend noch mit dem preiswerteren Überlandbus die Nacht über zurück nach Tokyo fahre (Shinki-Bus, Fahrt von 21.30 bis 6:30 Uhr früh, 9450 Yen), oder erst am nächsten Tag mit dem Shinkansen in 3 1/2 Stunden (645km) zurückdüse. Yukako war noch mit zum Bahnhof gekommen und versuchte mich zu überzeugen, ein Ticket für den Shinkansen zu kaufen. Mit dem Shinki-Bus bin ich schon 2-mal mitgefahren und ich erinnere mich noch deutlich daran, daß ich nach 8 Stunden Fahrt wie gerädert in Tokyo ankam. Außerdem hätte ich hektisch alles zusammenpacken und mich schnell verabschieden müssen, wenn ich in den Nachtbus gestiegen wäre. Daher habe ich mich für den Shinkansen entschieden. In den Ticket-Läden rund um den Bahnhof bekommt man die Fahrkarte auch etwas billiger als am Bahnhof, so war der Preis für den Shinkansen (ca. 13.500 Yen) nur wenig höher als für den Bus. Dann habe ich mich noch von Yukako verabschiedet, und bin zurück zu meiner Gastfamilie.


19. Tag: Berverly Hills in Yokohama

Sa, 22.4., Himeji -> Tokyo, Yokohama
Am Morgen hat mich Hr. Tanaka zum Bahnhof gefahren, wo ich mich noch für die Gastfreundschaft und die reichliche Bewirtung bedankt und dann verabschiedet habe.

Als ich im Bahnhof mit der Rolltreppe zum Shinkansen-Bahnsteig hochfuhr, sah ich Yukako die Treppe runter laufen und dachte, das kann doch nicht sein. Auf dem Bahnsteig angekommen, bin ich auch die Treppe runtergelaufen, konnte sie aber nirgends entdecken. Und so habe ich in der Wartehalle noch ein paar Photos von dem dort neu aufgestellten Matsubara-Yadai gemacht. Der Yadai ist ein Trageschrein, der stattliche 2 Tonnen auf die Waage bringt, und bei dem bunten Herbstfest (Kenkamatsuri, in Matsubara) von 20-40 Japanern auf die Schultern gestemmt und über das Festgelände getragen wird - im Wettstreit mit anderen Gruppen. Bilder von dem Herbstfest sind in meinem Photoalbum zu finden.

Dann bin ich wieder auf den Bahnsteig zurück und da stand doch tatsächlich Yuakako und überreichte mir ein O-Bento-set (Essen und Trinken für unterwegs) als Abschiedsgeschenk. Sie hatte doch tatsächlich herausgefunden, wann ich losfahre und ist extra nochmal zum Bahnhof gefahren, um sich von mir zu verabschieden. Ich hatte damit gar nicht gerechnet und war völlig platt. Die Überraschung war ihr gelungen. Sie wartete dann noch, bis der Nozomi-Shinkansen kam und ich einstieigen mußte.

Mit dem Shinkansen zu fahren ist genial. Der ICE ist ein Bummelzug dagegen. Die Züge sind auf die Minute genau und halten auf den Zentimeter genau am Bahnsteig (es gibt Markierungen für die Einstiege auf der Plattform, wo man sich anstellt). Der Nozomi ist der schnellste Shinkansen neben Hikari und Kodama auf dieser Strecke. Für den Shinkansen gibt es ein eigenes Schienennetz, also keine Wartezeiten wegen langsameren Zügen. Verspätungen gibt es höchstens mal bei einem Erdbeben, wenn automatisch eine Bremsung ausgelöst wird. Für die 637km Fahrt bis nach Tokyo Shinagawa braucht der Nozomi nicht mal 3 Stunden - ein Durchschnitt von 220 km/h! So eine Fahrt ist echt irre.

Noch während ich in Himeji war, hatte mir ein weiterer Cyclades-Kollege (Chris - unser Sales-Engineer) aus Yokohama, der bis dahin noch auf einer Business-Tour unterwegs war, auf meine Mail aus Deutschland geantwortet, und mich zu einem Treffen eingeladen. Also habe ich mich nach einem kurzen Stopover in Tokyo, wo ich noch etwas zu erledigen hatte, ein zweites Mal nach Yokohama aufgemacht.

Chris hat mich mit seiner Freundin von einer Bahnstation in Yokohama abgeholt und wir sind mit dem Bus dann zum Sankeien (Sankei-Koen, Koen = Garten bzw. Park) - einem traditionellen japanischen Garten - gefahren. Meinen schweren Rucksack, der unangenehm auf den Schultern drückte, konnte ich am Eingang bei der Kasse zur Aufbewahrung zurücklassen. Anschließend sind wir zum Rundgang gestartet.

Der Park war wunderschön arrangiert. Die alten japanischen Holzhäuser in dem Park bildeten mit Ihrem braunen Farbton einen herrlichen Kontrast zu dem Grün der Bäume rundherum. Wie Chris mir erzählte, sind 2 von den Holzhäusern aus dem Gebiet um Kyoto zerlegt nach Yokohama transportiert und in dem Park wieder 1:1 originalgetreu aufgebaut worden. Das muss ein wahnsinniger Aufwand gewesen sein, alle Teile durchzunummerieren und dann wieder so zusammenzusetzen wie am Originalstandort. An den Häusern hat man nichts davon gesehen, daß die irgendwann mal auseinandergenommen wurden. Nur auf den Hinweistafeln konnte man darüber lesen.

Nach dem Rundgang sind wir mit dem Taxi zu einem Sushi-Restaurant gefahren. Das Lokal war sehr klein und eng, wurde aber von Chris sehr empfohlen. Ich mußte sehr zur Freude des "Chefkochs" alle Sorten von Sushi durchprobieren, die aber auch phantastisch geschmeckt haben. Sogar Ebi (Shrimps), die ich sonst gar nicht esse, habe ich nach einiger Überwindung wieder mal probiert. Diesmal habe ich auch den Unterschied zu den billigen Kaiten-Sushi's (Sushi auf dem Laufband) in Tokyo geschmeckt.

Dann wollte mir Chris unbedingt noch sein Haus zeigen, und das noble Ausländer-Wohnviertel in Yamate, das im Vergleich zu der üblichen Architektur in Japan wohl am besten als das "Beverly Hills" von Yokohama beschrieben werden kann. In diesen Stadtviertel sieht man Architektur aus England, Italien, Frankreich, etc. (siehe auch den ausführlichen " Special Guide Yokohama-Yamate"). Durch die Öffnung des Hafens von Yokohama für den internationalen Handel 1853 (siehe Wikipedia) haben sich dort sehr viele Ausländer niedergelassen. Wenn man in den Straßen umherspaziert, hat man den Eindruck, man ist in Europa. Vom Yamate-Koen (Koen = Park) hat man am Abend auch einen klasse Ausblick auf einen Teil von Yokohama-City und den Hafen. Chris hat mir noch angeboten, bei ihm zu übernachten, aber ich wollte den nächsten Morgen von Tokyo aus zum Flughafen starten, um rechtzeitig dort zu sein. Also habe ich leider ablehnen müssen.

Es war schon dunkel, als ich wieder nach Tokyo zurückgefahren bin. Ich habe ein wenig in Shinjuku herumgehangen und etwas gegessen und dann Yusan angerufen, bei der ich nochmal übernachten konnte. Sie war mit Freunden unterwegs und wollte erst sehr spät um 23 Uhr wieder daheim sein. Also habe ich die Zeit in diversen Cafe's und Curry-Reis-Läden vertrödelt und bin zur vereinbarten Zeit zu Ihrer Wohnung in der Nähe der Ichigaya (in der Mitte der Strecke zwischen Shinjuku und Akihabara) Station getrottet und habe mich vor der Tür auf die Treppe gesetzt. Das war eine Wohltat, denn der 15-Kilo-Rucksack lag wieder schwer auf den Schultern.

Es vergingen 10min, 20min, 30min - sie war immer noch nicht da. Dann habe ich den Rucksack stehen lassen und bin zur nächsten Telefonzelle gelaufen, um sie nochmal anzurufen. Sie ging auch ran und versprach, bald heimzukommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte mich bereits ein Stimmungstief befallen, da ich schon den ganzen Abend alleine in der Stadt unterwegs war und gemerkt habe, wie alleine ich eigentlich dort bin. Um meine Stimmung wieder zu heben habe ich im nächsten Convenient-Store (rund-um-die-Uhr geöffneter Laden an jeder Ecke, vergleichbar mit den Tankstellen-Shops in Deutschland) ein paar Dosen meines Lieblingsgetränks Chu-Hi gekauft und mir damit zugeprostet. Als Yusan gegen Mitternacht nach Hause kam, fand sie mich in bester Stimmung leicht angeheitert vor Ihrer Wohnung sitzen. Als ihre Freundin kurz danach auch nach Hause kam, haben wir zusammen noch einen getrunken.und sind dann ziemlich müde schnell eingeschlafen.


20. Tag: Auf den letzten Drücker zum Flughafen

So, 23.4., Narita Airport -> München
Am Morgen machten wir noch ein ausgedehntes Frühstück, als Yusan fragte, ob ich denn nicht langsam zum Flughafen müsse. Der Flug ging um 13 Uhr und es war bereits nach 10 Uhr... Also habe ich schleunigst meine Sachen gepackt und bin zur Bahn gespurtet. In Ueno ist mir der superschnelle Skyliner (oder war's der NEX?) vor der Nase weggefahren und ich musste mit dem langsameren JR vorlieb nehmen. Meinem Schicksal ergeben saß ich im Zug und bin gegen 12:10 Uhr am Flughafen angekommen. Das Einchecken ging dann erfreulicherweise sehr schnell und so habe ich in aller Ruhe um 13 Uhr in meinen Flieger einsteigen können. Auf dem Flug habe ich noch an meinen Reisebericht weitergeschrieben. So ging die Zeit schnell rum.

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